Sonnabend, den 14. Januar. 1863.
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Die unsichtbare Geiftermusik.
Graudmzer Erlebniß von Ludwig Wales rode.'
(Fortsetzung.) ^
So wurde Graf I—skh bald der musikalische Wohl- und Wun- derthäter seiner Umgebung. Der in harter Gefangenschaft schmachtende Bewohner der oberen Kasemattenwölbuug lauschte, das bleiche Gesicht gegen die Eisentraillen des Fensters gedrückt, auf die herrlichen Töne, die ihm so menschlich und so göttlich klangen; selbst der an die harte Arbeit vorübergeführte Baugefangene stand pausirend still, als fürchte er durch sein Kettengerassel das Spiel z» stören, und horchte hoch auf, während der escortirende Patrouilleur, die scharf geladene Muskete bei Kuß gesetzt, ihn eine Weile gewähren ließ und ebenso lauschte. In der Dunkelheit lauer Sonnncrabende aber schlichen flüsternde Gruppen von „Festungsdamen" unter den Fenstern jener Kasematte einher, um den polnischen Grafen auf der Geige phantasiren zu hören und auch wohl nach den Klängen einer Mazurka oder Krakovienne oder eines deutschen Walzers leise und unbelauscht ein Tänzchen zu machen.
Aber ein Pole, und noch dazu ein so jugendlich feuriger wie der gefangene Graf, schwebest und nebelt nicht platonisch auf deutsche Weise in dem Tonäther umher. Die luftige Unterhaltung mit seiner Geige genügte nicht seinem sehnsüchtig an das warme sinnliche Leben sich drängenden Herzen. Und so entspann sich, durch die müßige Einsamkeit des Kerkers befördert, bald ein inniges Verhältniß zwischen ihm und der jungen Frau eines unten in der Stadt garnisonirenden Unteroffiziers, die, wie andere Unteroffizierfrauen, sich mit der Aufwartung von Staatsgefangenen befaßte. Sie war erst seit kurzem verhci- rathet, selbst von polnischer Herkunft und von seltener Schönheit. Ähr Mann wegen seines ehrenwerthen biederen Charakters von seinen Vorgesetzten eben so geachtet wie bei seinen Kameraden beliebt, ließ es arglos zu, daß die junge Frau sich den Tag über oben auf der Festung aufhielt, um durch die Einnahme, die sie von den Staatsgefangenen zog, sich eine Aushülfe für die Haushaltung zu verschaffen, für welche die kümmerliche Unteroffiziersgage nicht ausreichte. Er hatte um so weniger dagegen, als ihr Leben bisher ein durchaus makelloses gewesen und er sich der Treue seiner Frau eben so sicher hielt, als er sie selbst über Alles leidenschaftlich liebte. — Allein ans der Festung giebts keine Geheimnisse. Die Mauern, so verschwiegen sie aussehen, Plaudern, und der Teufel „Gerücht" weiß eben so die Wallerde von den Kasematten abzudecken, um zu erspähen, was im Innern derselben vorgeht, wie Le Säges hinkender Teufel es mit den Dächern der Häuser machte. — Bald war das Geheimniß von dem gar intimen Verhältniß des gefangenen Grafen mit der jungen, schönen Unteroffizierfrau auS der Stadt ein öffentliches, und außerdem hat es noch keinem Othello -— mag er weiß oder schwarz sein — an einem schadenfrohen Jago gefehlt.
Eines Tages war der sonst so dienstpünktliche Unteroffizier ohne vorhergegangene Meldung von dem ihn treffenden Dienst auSgeblieben. Man schickte nach ihm — die Thür seiner Wohnung war von Innen verschlossen. Als diese gewaltsam geöffnet wurde, fand man die Unteroffizierfrau mit zerschmettertem Hirnschädel todt auf ihrem Bette hingestreckt: eine blutige Axt neben ihr. Auf dem Boden aber wälzte sich unter unsäglichen Schmerzen ihr Mann, der sich als der Mörder seines treulosen Weibes bekannte. Er selbst hatte sich mit Schwefelsäure ve» giftet und starb nach wenigen Stunden in entsetzlichen Todesqualen.
Man mag sich denken, welchen Eindruck der gewaltsame Tod der allgemein bekannten jungen und schönen Frau und des braven im blühendsten Mannesalter stehenden Unteroffiziers in der Stadt und oben auf der Festung machte.
Seit jenen: Ereignisse waren die Mazurkas, Krakoviennes und die polnischen Volkslieder verstummt, die sonst so heiter ans der Kasematte Nr. 1, Coupure 1, am Oberthor weit über den Festungsraum hinklang. Graf I—skh schien seine Geige vergessen zu haben. — Seine
Kasemattenfenster bleiben fest geschloffen, wie seine nur den revidirenden Polizeiunterofsizieren sich öffnende Thüre. Man sah ihn nicht wie sonst während den Freistunden mit anderen Gefangenen promeniren, und obwohl er bis 10 Uhr Licht brennen durfte, eine Erlaubniß,"die er früher unbehindert über Gebühr ausdehnte, blieb nunmehr seine Kasematte stets finster. — Eines Abends jedoch — es mochten Wohl vierzehn Tage seit jener blutigen Katastrophe verstrichen sein — horten die Umwohnenden wieder seine Geige durch das Dunkel der Nacht klingen. Es waren schwermüthige klagende Phantasien, unterbrochen von ' bizarren Passagen, wie wahnsinnig gellend dazwischen lachten. Die Tone verklangen endlich melancholisch, wie ein leise verhauchendes Grabeslied. Es wurde still. Da plötzlich knallte durch das. tiefe Schweigen der Nacht ein Schuß. Die erschreckten Nachbarn stürzten herbei, die Fenster der Gefangenen-Kasematten öffneten sich: Ordonnanzen von der allarmirten Hanpiwache am Oberthor hatte den Platzmajor und den Offizier än ssonr herbeigeholt. Diese ließen die von Innen verrammelte Thür sprengen. Ein entsetzlicher Anblick zeigte sich ihnen nnd den ihnen nachdringenden Neugierigen. Der Graf hatte sich mit einem Pistolenschuß den Kopf zerschmettert, die Wände waren mit Gehirn und Blut bespritzt. Der grausig entstellte Leichnam lag mitten auf dem Boden der Kasematte; nicht weit davon die zertrümmerte Geige, eine prachtvolle Amati von großem Werthe — sie . war sichtlich mit einem Fußtritt zerstampft worden. —> Es sind nunmehr bereits, wie gesagt, sechs Jahre seit dieser blutigen Katastrophe verflossen, aber noch immer ist deren unheimlich gespenstisches Echo nicht verhallt. Während, der Stille der Rächt klingt eine leise, wie durch eine weite Ferne abgedämpfte Musik durch die Kasematte. Alle späteren unfreiwilligen Bewohner derselben haben sie mit Grausen vernommen und waren froh, wenn sie durch Versetzung in einem anderen wenn auch weit schlimmeren Kerker von der unheimlichen Geisternähe .befreit wurden." — —
So erzählte meine neue freundliche Nachbarin, und ich erzählte, es ihr, wenn auch nicht in ihren eigenen Worten, doch inhaltstreu nach.
'— Was ich gehört, hatte mich nicht gläubiger gemacht; allein ich lachte nicht mehr über die Spukgeschichte.
Spät am Nachmittage war, wie angeordnet, die für mich bestimmte Kasematte in vollständige Bereitschaft gesetzt und wurde auch sofort von mir bezogen. Ihre Lage war keine besonders aumuthige. — Während die anderen Oberthorkasematten in gebrochener Linie Halbfront gegen die durch die Festung führende Alleestraße und vor allem gegen die Morgensonne machten, lag die meimge am rechten Winkel an die hohe finstere Mauer der Festungskehle gelehnt, gewissermaßen im ewigen Schattenreiche. Selbst wenn die Sonne bei ihrem scheinbaren Jahres- gange um die Erde sich in diese Ecke der Festung Graudenz verirrte, vermochte sie doch keinen ihrer goldenen Strahlen durch die niedrig am Boden gelegenen tief in die Mauer gebrochenen Fenster in das Innere dieser Kasematte zu senden; darum war diese so kalt und feucht, daß ich selbst während des heißen Sommers von 1846 genöthigt wurde, dieselbe Heizen zu lassen. Auch das offene Latrinengewölbe in meiner nächsten Nachbarschaft, vor welchem in den Morgenstunden die Baugefangenen die widerlichsten aller öffentlichen Arbeiten verrichten mußten, war gerade nicht im Stande, das ästhetische Behagen an diesem Platze zu steigern. Das einzige, was einigermaßen Ersatz für diese unerquickliche Lage bot, waren dis schräg znlaufenden Mnsketcn-Schießscharten in der Befestigungsmauer, durch welche ich in schmalen perspectivischen Streifen eine Aussicht über den Weichfelstrom, seine Kempen und das gegenüberliegende Ufer bis an den weitblauenden Horizont hatte. Ein solches noch so knauserig Angemessenes Stückchen Aussicht in's Freie ist von. unschätzbarem Werthe für den aus Jahr und Tag ans den engen, von hohen Wällen umschlossenen Fcstnngsramn beschränkten Gefangenen. — Der Zutritt zu meiner eingenttichen Kasemattenstube ging über einen schmalen Hausstur, von welchem gerade vor meiner Stube eine doppelte mit Eisenüberwurf und Vorhängeschlössern versicherte Falltbüre in den „Mordkeller" hinabführte, wie das tiefe unter der Erde ausgemauerte Gewölbe genannt wurde, welches den Zugang zu den laby- riuthischen Gängen deS nach den Außenwerken der Festung führenden Miumsystems bildete. Also zu der schauerlichen Gcistergeschichte auch
