der Mordkelller. Es war als ob ich in die Einleitung eines haarsträubenden Schauerromans, verlegt von Gottfried Basse in Quedlinburg oder von Fürst in Nerdhausen einträte. — Die zu ebener Erde liegende, durch eine doppelte Bohlendecke von dem oberen Gewölbe getrennte Kasematte hatte die Dimensionen eines Pferdestalles für mindestens 12 Gespanne. Selbst an den hellsten Tagen herrschte in dem Hintergründe derselben in der Nähe des Ofens ununterbrochene Dämmerung. Sonst war sie, den Umständen nach, nicht unfreundlich. Die Fenster waren ohne die sonst übliche Eisenvergitternng und die Wände mit einer gelben Tünche bepinselt, die mit dem Gelb der Baugefangenen- Uniform auf's Innigste harmonirte. Außerdem hatte mein in seiner Sorgfalt und Aufmerksamkeit für mich unermüdlicher Freund W. aus der Stadt durch Hinaufsendung einiger Möbel, wie eines Lehnstuhles, Schreibtisches, Spiegels und Bettes die Kasematte so behaglich als möglich ausstatten lassen.
So war ich denn richtig auf ein volles Jahr ding- und bombenfest untergebracht. In sentimentaler Anwandlung hätte ich mir wohl auch provisorisch eine bis zu Thränen rührende Leichenrede halten können. Ruhte ich doch nunmehr, wie's wenigen Sterblichen bei Lebzeiten be- schieden ist, unter feuchten Rasen, der mit dem nächsten Frühling gar grünlich und blumig über mir aufsprießen sollte; und auch eine Kuh sollte da oben über meinem irdischen Leichnam grasen, wie eine solche über dem verfallenen Staube des Königsberger Humoristen Hippel auf dem Armenkirchhof zu Königsberg graste, bis vor kurzem dort dem immer mehr um sich greifenden Festungsbau auch dies grüne Fleckchen eines rührenden Friedhofhumors zum Opfer fiel, Vor Allem aber wollte mir die Geschichte meines Vorgängers, des polnischen Grafen, gar nicht aus dem Sinn. Denn eS ist ein Anderes, so etwas flüchtig zu hören oder zu lesen und unter den Zerstreuungen des geräuschvollen Tages zu vergessen, ein Anderes iu enger Räumlichkeit auf den Boden einer solchen Schauergeschichte gebannt zu sein, gewissermaßen in einen lebendigen Zusammenhang mit einer unheimlichen Tradition zu treten. Wer könnte ruhig in einem Bette schlafen, von dem er wüßte, daß ein Mensch darin seinen letzten schweren Todesseufzer darin verröchelt? Wer möchte auf einer ehemaligen Richtstätte die Komforts und die geselligen Freude» der Häuslichkeit genießen ?
Ich hatte mir Licht angezündet, das meine langgestreckte Kasematte nur zweifelhaft erhellte und an der Lectüre der „Instruction für die Königlichen Festungskommandanten wegen Behandlung der Festungsstu- bengefangenen" vom Jahre 1826. unterzeichnet: Kriegsminister v. Hacke, suchte ich mich von allen diesen Eindrücken zu ernüchtern, mit welchen ohnedies die erste im Gefängnisse anbrcchende Nacht den Neuling umfängt. Die damalige büreaukratische Weisheit des preußischen Staates hatte zum Ueberflusse auch das Leben des Gefangenen in ein dichtes Netz von Paragraphen eingesponnen. Ich hatte für eine volle Stunde genug zu lesen. Aber unwillkührlich schweifte mein Blick oft von der Instruction an den Wänden umher, als zöge ihn ein gewisses Etwas, die besagten Blutspuren an denselben zu entdecken, und in der That schien's fast, als träten blutige Flecken unter der frischen gelben Tünche hervor. — Endlich war's, nach Paragraphus so und so viel der Instruction, vorschriftmäßige Zeit, das Licht anszulöschen und zu Bett zu gehen.
(Schluß folgt.)
Der Brand der Lorenzerkirche in Nürnberg.
Der „Nürnberger Anzeiger,'' bringt die folgende dramatisch-bewegte Schilderung dieses von uns schon erwähnten Brandes.
Nürnberg, 6. Januar. Heute Mittag, etwa 10 Minuten vor 1 Uhr, füllte sich die Atmosphäre unter einem mit düsterem Regengewölk bedeckten Himmel plötzlich mit dichtem Hagel- und Schneegestöber, und inmitten desselben entlud sich über unsere Stadt ein Gewitter durch einen einzigen von einem starken Donner begleiteten Blitzstrahl. Eine halbe Stunde verging — die Natur war wieder ruhiger geworden — da ertönten die Feuersignale; die oberste Spitze des nördlichen Thurines der Lorenzkirche stand in lichten Flammen. Anfangs klein, aber vollkommen unzugänglich, leckte das Feuer bald ringsum in gefräßiger Eile und verbreitete sich rasch nach unten und oben, immer wilder angefacht von dem starken Luftzug in jener bedeutenden Höhe. Tausende strömen herbei; sie stehen ohnmächtig am Fuße des Thur- mes; Schauen und Bewundern ist das einzig Mögliche. Schon ist die Feuerwehr mit rücksichtsloser Aufopferung hinaufaeeilt an die höchsten, gefährlichsten Punkte; das wilde Element spottet ihrer Anstrengungen.
Einige Fuß unter dem gewaltigen Knauf, der die Windfahne, den symbolischen Hahn trägt, ist Alles verglüht und herabgestürzt, was dem Feuer Nahrung giebt: die dick überblcchten Holzbalken, die theilweise vergoldeten starken Kupferplatten, welche das Dach überkleideu, eine Eisenstange, schwach gegen daS riesige Gewicht des Knopfes, — glühend, sich senkend, trägt noch die Last. Jeden Augenblick muß sie stürzen. Banges Murmeln unter der Menge der Unllnstehenden. Die Stange beugt sich, ein Aufschrei ans tausend Kehlen — mit furchtbarem Krachen ist die Spitze herabgestürzt auf einen Vorbau ver Kirche.
Sie hat das Dach durchgeschlagen. Das starke Gewölbe widersteht glücklicherweise der Gewalt. Das Innere des herrlichen Domes ist noch ungefährdet.
Es war eine Viertelstunde nach 2 Uhr.
Mit neuer Heftigkeit stürmt der Wind in den jetzt offenen Feuer- heerd. Die Funken sprühen weit über die Gebäude hin. Glühende Metallplatten lösen sich ah, fallen. Immer tiefer frißt sich das schreckliche Element herunter. Stundenweit hinaus über den Burgfrieden mögen die Gemüther sich ängstigen; man sieht die ragenden Thürme in großem Umkreis.
Immer mehr schwindet die Hoffnung, das Feuer zu bewältigen. Jetzt hat es ein Lager massiven Holzes erreicht, in welchem die oberste Glocke festgemacht ist, — festgemacht, um Jahrhunderten zu trotzen! Gierig lecken die Flammen daran, bis eine Helle Lohe aufschlägt; aber eine Stunde und wieder eine Stunde vergeht, ehe das Gebälk haltlos wird. Die Glocke glüht, noch hängt sie, noch, — endlich stürzt sie mit dumpfem Getöse und ein Regen von Fnnken stäubt , nach allen Seiten. Ein starker Dielenboden trägt sie jetzt.
War es der hülfsbereiten Fcuerwehrmannschaft möglich, in dieser schrecklichen Lage dort oben Hand anzulegen? Man sieht die Gestalten in ruheloser Bewegung an den gefährlichsten Stellen; ins Innere dringt das Auge von hier unten nicht. Wasser! Wasser! Es wird von allen Seiten zugeführt und hinaufg»schafft. Ob sie es verwerthen können?
ES ist nahe an 5 Uhr, die wilde Flamme schlägt nicht mehr so beängstigend empor, aber die Gluth will nicht erlöschen, jeder Hauch des Windes kann sie neu beleben. Langsam, sehr langsam nur verliert sich die größte Besorgniß aus den Gemüthern. Noch steht die Menge harrend, allmälig hoffend, die Zerstörung an dem herrlichen Bau beklagend.
Da und dort spricht man von der Größe des Schadens, den man noch nicht zu schätzen wagen darf, denn — die Stunde schlug 6 Uhr — und die Gefahr ist noch nicht vorüber. — Hoffen? Nein! Wir sollten erfahren, daß es wahr ist: „die Elemente hassen das Gebild von Menschen Hand."
Es war finster geworden. Der Himmel ist wolkenlos. Der Mond steigt auf. Kläglich falb steht seine Scheibe über dem blendenden Feuermeer, das wie aus dem Krater eines Vulkans als ein unabsehbarer Strom von Feuerfunken aus dem Gemäuer des Thurmes her- vorguillt, den Himmel weithin rvthend, vom Sturme bald in die Höhe gejagt, bald hinabgedrückt in den eigenen Qualm. Mit erneuerter Wuth hat das Feuer sein fürchterliches Zerstörungswerk begonnen. Tausende strömen neuerdings her^u. Sie harren und möchten vergehen in dem erdrückenden Gefühl ihrer gänzlichen Machtlosigkeit.
So fallen Trümmer un; Trümmer. Die oberen beiden Glocken sind theils geschmolzen, theils in' Scherben gegangen. Nur das eiserne Gerippe des schlanken Dachstuhls steht noch. Wieder sind vier bange Stunden verflossen seit 6 Uhr. Um 10 Uhr stürzt es krachend in sich zusammen. Ein furchtbar schöner, entsetzlicher Anblick! Und immer ist noch keine Hülfe möglich. Die Spritzcnschläuche bersten unter dem Druck der Wassersäule, die hinaufgeführt werden will; die Mannschaft oben erstarrt vor Kälte oder möchte vergehen in der unerträglichen Hitze.
Endlich ist das Feuer hernntergebrannt bis unter die Wohnung der Thürmer. Da ist's eher möglich, sich zu rühren; hierher läßt sich Wasser schaffe». Und nun arbeitet die Feuerwehrmannschaft in ungestümem Eifer.
Die Mitternachtsstunde ist vorüber. Wir gehen zagend vom Platze. Die Helle Feuerlohe ist erloschen; die Ruine starrt in unheimlichem Dunkel zum Himmel; hier und da leckt tückisch die Flamme aus einer Ritze hervor, dort züngelt sie spöttisch um's morsche Gebälks. Ob sie sich noch einmal zu entfesseln vermag? Wehmüthig bang geht Nürnberg heute schlafen; der Opfermuts» wacht ob ihm. Nürnberg, Deutschland hat eine seiner schönsten Zierden aus der Vergangenheit verloren.
Am 7. Januar früh. Ein unseliger Sturm mit Schneegestöber durchtoste während der Nacht die Stadt und wüthete besonders um die Kirche mit jener bekannten Heftigkeit, die es dort kaum möglich macht, am Platze zu stehen. Um 7 Uhr früh noch jagt er die Funken massenhaft aus dem Feuerheerd auf, daß sie unheimlich daS Morgengrauen durchblitzen. Die Fcuerwehrmannschaft ist in voller Thätigkeit. Der praktische und vorsichtige Sinn der Erbauer des Thurmes soll ihren Anstrengungen den endlichen Erfolg gesichert haben. Wie man nnS mittheilt, ist über dem Gebälke, welches die Glocken trägt, eine Schichte Lehm eingefügt, zur Sicherung für solche Fälle, und an ihr brach sich die Gewalt der Flamme, nachdem sie dadurch gehindert war, weiter zu fressen, und die HülfSmannschaft ihr eher beikommen konnte.
Von völligem Erlöschen der Gluth wird vor Ablauf mehrerer Stunden kaum die Rede sein können.
Der Thurm, dessen prachtvolle Dachung bis zum Kranz herab vom Feuer verzehrt wurde, ist der ältere der beiden an diesem Dom befindlichen, um das Jahr 1283 erbaut und auf Befehl des Raths am 4. Juli 1468 gerüstet und mit vergoldetem Blech belegt. Vollendet wurde er am 14. September 1498. Ausfallend ist, daß iu diesen Thurm so gar oft schon der Blitz cinschlug. So im Jahre 1363, 1400, 15 94, 1505, 1535, 1582, 1606, 1687, 1660 ; er wurde in
