5

Mittwoch, dm 18. Januar.

1865 .

Dieses Blatt erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. Preis pro Quartal 7K-- Groschen. Inserate finden Dienstag resst- Freitag bis 4 ilhr Nachmittags Aufnahme. Die gespaltene Petitzeile kostet 1 Groschen.

Die unsichtbare Geistermusik.

Graudenzer Erlebnis von Ludwig Walesrode.

(Schluß.)

In der Festung war's still geworden bis zur Lautlosigkeit. Nur von Viertelstunde zu Viertelstunde hörte man das sogenanntelange Werda?" das sich die Wachen als Controls ihrer Wachsamkeit ringsum zurufen müssen, eine Art von gedehntem Hahnenschrei, das R im Werrrrrrrrda?" so rollend, daß unsere Schauspielerinnen und Sän­gerinnen sich desselben für das so zuugcnschlagfertige schnarrende Büh- nen-R als treffliche Uebung bedienen könnten.

Auch von den Außenwerken trug der Wind den Wachtruf in die Festung hinein, so daß man ihn wie in einem zwanzigfachen Echo ver- Hallen hörte. DiesesWerda?" in seiner eintönigen Regelmäßigkeit hatte etwas Einschläferndes wie der Pendelschlag einer Uhr oder wie das Rauschen des Mühlrades. Nochmals zog Alles, was ich am Tage erlebt und gehört, als Einleitung zu einem phantastisch bunten Traume durch die Halbwachen Sinne. Da mit Einemmal streift eine leise ab­gedämpfte Musik wie auf einer Wolke schwebend dicht über mein Lager hin, bald im leisen kiunissirno verhauchend hinsterbend, bald wieder in wunderbaren Modulationen anfchwellend den ganzen Kasemattenraum durchklingend. -- Anfangs glaubte ich wirklich zu träumen und willen­los dem Spiele meiner entfesselten Einbildungskraft hingegeben zu sein; aber der gerade eben von der Oberthorwache her schallende Anruf der Nonde, das Kommandowort, daS Klirren der Musketen der unter's Gewehr tretenden Wache rc. weckte mich zum vollen Bewußtsein der Sinne.

Jetzt war's wieder still geworden, man hörte nichts als das Ra- schein des Windes in den Geästen der Linden gegenüber, da richtig da klangs wieder wunderbar geisterhaft bald in diesem, bald iu jenem Winkel der Kasematte, schwebte es über meinem Haupte weg, verlor stch's leise, kehrte es anschwellend hin und wieder. Es hörte sich meist an wie ein Streichquartett mit obligat concertirender Geige. Die Töne, wie sie so aus weiter jenseitiger Ferne klangen und doch wiederum in nächster und unmittelbarer Nähe, hatten etwas geisterhaft Neckisches ; man wurde an den muthwilligen Ariel mit seiner unsichtbar durch die Lüfte ziehenden Musik in Shakcspeare'sSturm" erinnert. Hört man erst Töne, so bleiben auch die Melodien micht aus. Alle meine musikalischen Reminiszensen wurden wach gerufen. Bald glaubte ich ein Violinconcert von Matzsedcr, bald einen Satz aus einem Quartette von Beethoven, Onslov, Feska u. A. zu hören. Bald meine ich wie­der die chevaleresk galante Polonaise des Grafen Oginskh zu erkennen. Gesteh' ich's nur, ich fühlte die Schauer unheimlicher Geisternähe mich kalt durchrieseln; denn mein Herz ist so gläubig hingebcnd wie nur cin's in der Welt und das Wunder ist sein liebstes Kind. Allein mein Kopf ist wiederum ein gar kühler Sceptiker, der dem gläubigen Herzen und dessen vorgezogenem Wunderkinde auch nicht das Geringste durch­gehen läßt. Ich war fest entschlossen, meine bestochene Einbildungskraft zur Ordnung zu rufen und nicht eher zu rasten, als bis ich dem Spuke seine geheimnisvolle Larve abgerissen. So stand ich denn auf und zündete trotz des Paragrqphen L der Instruction Licht an, hatte ja auch die Instruction den Fall nicht vorgesehen, daß es auf der Festung spuken könnte.

Ich durchleuchtete jeden Winkel der Kasematte, um den Schlüssel zu dem musikalischen Geheimnisse zu finden; allein die schwebende Musik schien förmlich mit mir zu spiele» oder meiner zu spotten; sie war bald hier, bald dort, nur da nicht, wo ich sie suchte. Nur kam's mir vor, als ob's in der Nähe des Ofens stärker tonte als an andern Stellen. So erst entdeckte ich, was ich bei meinem abendlichen Ein­züge in die Kasematte übersehen: im Hintergruude derselben unfern des Ofens eine Eichenthür. Sie war unverschlossen und nur eingeklinkt. Ich öffnete sie und trat in ein schwarz ausgcschlagenes Gemach, das bei näherer Besichtigung ganz so wie das bereits geschilderte Vorzim­

mer zur Niederthorkasematte mit dichtem glänzendem Ruß an Decke und Wänden bekleidet war. Auch ließ der eigenthümlich muffige Ofenruß­geruch keinen Zweifel über die stoffliche Eigensckaft der Decoration auf- kommen.

Es war eine förmliche Rauchkammer. Die Zugröhre meines OfenS mündete auf einen großen Heerd, der die ganze mit dem Wallprofile parallel laufende Wand einnahm und in dessen sogenannten Heerdman- tel die untere Schornsteinöffuung trichterförmig auslief. ES war mir gleich klar, das hier der musikaliche Spuk seine natürlich akustische Lösung finden müsse, wie die biblischen Wunder in Dinter's Schullehrerbibel in den Anmerkungen zuni Texte sich natürlich auflösen. Und wirklich klangen hier die Töne nicht nur unmittelbar mit stets wechselnden Orss- osnäo und Osorasaeiiäo, sie wehten mich förmlich lustig auin den durch den Schornstein streifenden Windstößen; nur daß cs jetzt meiner Einbildungskraft nicht mehr gelang, bestimmte» Melodien heraus oder herein zu hören. Doch immer tönte es ätherisch lieblich gleich den Accorden einer Aeolsharfe.

Ich stellte mich auf ven Heerd und leuchtete mit dem Lichte so hoch als möglich in den Schornstein hinein; da sah ich auch etwa 3 Fuß über dem Heerdmantel fünf wie Saiten einer Lyra, neben einander ge­spannte Elsenstäbe eines Rostes, durch den Zweifelsohne die Gefange­nen an Fluchtversuchen durch den Schornstein verhindert werden sollten. Das war in der That Aeolsharfe, auf welcher der in diesem Festungs- Winkel stets rege Zugwind durch den Schornstein spielte; der Heerdman­tel bildete dazu eine allmälig sich erweiternde Schallöffnung von ausge­zeichneter Resonnanz, aus welcher die hervorfluthenden Schallwellen durch die weilen Räume der Kasematte schwammen und ebbend verhallten oder sich an den eigenthümlich construirten Mauern brachen oder end­lich, wie aus unberechenbarer Ferne abgekämpft, iu dem Ofen erklan­gen. Die technischen Aufschlüffe, die ich einige Tage später von einem liebenswürdigen Jngenieuroffizier der Festung über den eigenthümlichen Vau der Kasemattenschornsteine erhielt, bestätigen nicht blos meine Er­klärung des Phänomens, sondern bereicherten dieselbe noch um einige weitere akustische Momente. Ich erfuhr nämlich, daß der Schornstein in spiralen Windungen durch die Wallerde gezogen sich nach oben hin immer mehr verenge und daß die Höhlung desselben noch an mehreren Stellen von Eisenstäben unterbrochen wäre, die also als immer mehr sich verkürzende Saiten eine gar manichfaltige Tonscala bildeten.

Als ich am anderen Tage meiner freundlichen Nachbarin imZünd­loch" mein erstes nächtliches Kasemattenabentener und dessen Lösung mittheilte, war diese sichtlich über die letztere verstimmt. Und auch auf die meisten eingebürgerten Festungsbewohner machte meine Erzählung keinen günstigeren Eindruck. Ich hatte ihnen unbarmherzig ein Stuck unheimlicher Poesie geraubt, an dem sie schon seit Jahren gehangen das schauerliche Geisterwunder war ihnen lieber gewesen, als dessen physikalisch nüchterne Deutung. So geht es mit allen Erscheinungen des Aberglaubens, die sich hent zu Tage noch durch irgend ein über­raschendes Phänomen der Gesellschaft bemächtigen; so geht es mit dem dogmatischen Aberglauben der sich durch Jahrtausende hindurch von Geschlecht zu Geschlecht als Heilswahrheit vererbt hat. Das gläubige Gemüth läßt sich kein Jota davon rauben, weil es durch einen solchen in seinem Innern zu verarmen fürchtet. Die rücksichtslose Herrschaft der Logik mit ihren kalten unbeugsamen Gesetzen erscheint den gläubig seligen Gefühlsmenschen als eine um so mehr unerträglichere Tyran­nei, als sie selbst durch dieselbe zum Denken gezwungen werden sollen.

Einen psychologisch interessanten Beitrag zur Entstehungsgeschichte der Sage bietet auch noch der Umstand, daß die Sage von der unsicht­baren Geistermusik sich erst nach der schauerlichen Katastrophe mit dem Grafen Isky bildete, obwohl die besagte Musik, seitdem die Festung Grandenz besteht, hätte gehört werden müssen. So auch hat das Volk gewiß von jeher seine Sagen gedichtet, indem es ein erlebtes , seinen Sinnen oder seiner Empfindung imponirendeS Factum in daS Reich des Uebcrsinnlichen und Dämonischen hinüber spielte; so wurde eine rohe Thatsache poetisch zur Tradition verklärt.

Das wären die Betrachtungen und Nutzanwendungen, die dieser