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Sonnabend, den 21. Januar

Zwei Stunden Frist.

Eins russische Geschichte von Ernst Willkomm.

t.

Nach dem Ballet.

Die erste Borstellung des neuen Ballets war zu Ende. Aus stür­misches Verlangen des sehr zahlreich versammelten Publikums rauschte der Vorhang noch einmal auf und die Hauptpersonen unter den Mit­wirkenden verbeugten sich- vor dem lauten Applause des ganzen Han­fes. Besonders cnthusiasmirt von dem Gesehenen war das Publikum derjenigen Logen, in welchen die männliche Jugend des reichen, hohen Adels sich bei Ballet-Borstellungen gewöhnlich in Menge zu versam­meln Pflegte.

Dieses Publikum war von den blendenden Dccorationen, den über­raschenden Verwandlungen, der märchenhaften Beleuchtung der Bühne nicht weniger entzückt, als von der brillanten Garderobe der Dämo­nen, Sylphiden, Nixen und Feen, welche darin auftraten. Was Wun­der, daß die vornehmen Roues der volkreichen Czareustadt, die jungen Militairs, die vor Kurzem erst aus der Krim zurückgekehrt waren,

^ und die jetzt nach langen Entbehrungen und aufreibenden Strapatzen

^ sich besinnungslos dem Vergnügen in die Arme stürzten, Wohlgefallen

' an einem Schauspiele fanden, das allen Sinnen schmeichelte?

Deliciös! Superb! Zum Küssen! Ganz rmwidersteh- , lich!" So und ähnlich lauteten die Ausrufe einer Anzahl Be­freundeter, als sie Las Haus verließen, um in einem eleganten Hotel i zu Abend zu speisen. Damit sie durch Fremde oder Unbekannte nicht

! in ihren Unterhaltungen gestört werden möchten, verlangten die jungen

! Herren, Grafen und Fürsten aus den ersten Geschlechtern, ein beson-

> deres Zimmer und überließen sich hier bald ganz ihrer Laune.

^ Hauptgegenstand des Gespräches bildete geraume Zeit das Ballet

> und die schönen Tänzerinnen, welche durch Grazie, Gewandtheit, Mie- ! nenspiel und Costüm alle Welt entzückten. Einig in ihrem Urtheil

bezüglich der Leistungen dieser bewunderten Künstlerinnen, war man - dagegen sehr verschiedener Ansicht, als deren körperlichen Reize einer eingehenden Kritik unterworfen wurden. Da ergab cs sich, daß der Eine schön und unwiderstehlich anziehend fand, was den Andern kalt ließ, wo nicht gar abstieß. Diesen entzückten die mattblond§n Locken der Solotänzerin B., Jenen die schwarzen Flechten der feueräugigen T., ein Dritter behauptete, diese berühmten Schönheiten müßten beide ! zurückstehen, wenn die erst kürzlich engagirte Anführerin des Ballet- ^ Corps sich zeige, denn sin dieser feiere die Schönheit des Weibes einen wahrhaften Triumph.

Dem muß ich beipflichten," sprach ein junger Kosackeuhetmann. Diese junonisch gewachsene Brünette ist so schön, daß ich mich ernst­haft in sie verlieben würde, hätte ich nicht Rücksichten aus meine Fa­milie zu nehmen."

Die Liebe kennt keine Rücksichten," meinte ein Anderer, der mehr Erfahrung zu haben schien, und au der etwas leichtfertigen Unterhal­tung seiner Kameraden sich nur als Zuhörer betheiligte.

Die wahre Liebe, die eine Verschmelzung der Seelen zweier In­dividuen will, allerdings nicht," versetzte der Hetmaim,die aber, die ich meine, ist nicht so überschwänglich überirdisch, daß sie ohne Be- ! denken jedes Opfer bringt."

Und welche meinen Sie denn?"

Sonderbare Frage! > Sind Sie denn während des Feldzuges so alt geworden, daß Sie allen Lebensfreuden, allen Genüssen, welche die Sinne ergötzen, schon entsagt haben? Ich meine, um Ihnen ! verständlicher zu werden, die Anknüpfung einer Liaison, die so ernst­haft betrieben wird, daß sie vollkommen denjenigen Wünschen ent­spricht, die man damit verbindet, und die man zu jeder beliebigen Zeit, ist man ihrer überdrüssig oder wird sie unbequem, wieder aufgebeu kann."

Bei solchen Liaisons wird selten viel Ehre eingelegt, lieber Het­

mann, dagegen könnte ich Ihnen mehr als ein Beispiel nennen, wo die Ehre mehr oder weniger dabei verloren ging."

Nun also! Die Ehre geht doch noch übex das sublimste- Amü­sement! Darum bewundere ich im Stillen die Unerreichbare unh bete ihre Schönheit aus der Ferne an. Das gewährt auch einigen Reiz, ist gefahrlos und verursacht keine Ausgaben."

Ein paar von den jungen Offizieren, die sehr gut-wußte», daß der Hetmann, obwohl er von angesehener Familie war, über reiche Geldmittel nicht verfügen konnte , lächelten einander W. äußerte» aber kein Wort.

Indem ward die Thüre hastig geöffnet und ein hochgewschsener Mann von angenehmem und imponirendem Aeußern und stolzer Hal,. tnng trat ein.

Hören wir das Urtheil des Grafen!" fuhr der Hermann fort, dem Ankommenden dis Hand reichend. ^Oginskoi ist eins, Armer- und von seinem Glück bei der schönen Welt erzählt man sich sirbMatze Geschichten."'

Worüber verlangst Du mein Urtheil zu hören?" fragte dxr-Graf, welcher als Hauptmann in der Garde diente. Es, war, sin. Wann von einigen dreißig Jahren, denr Entschlossenheit, Muth., llnterneh- mungsgeist und heiße Leidenschaft aus den dunkeln Augen blitzten,

Ob die brünette Tänzerin Mainona Werth ist, daß man, sich sterblich in sie verliebt," sprach munter der Hetmann,,MaK mich betrifft, so läugne ich nicht, daß ich Lust hätte, mich auf ein solches Abenteuer einzulassen, leider fehlen mir mrr die Mittel zu, einer regel­rechten Belagerung. Und es wird großer Ausdauer bedürfen, denn alle von mir eingezogencn. Erkundigungen stimmen darin überein, daß die wundervolle Hexe spröde wie Glas sein soll."

Im Ernst, Feodor?" sagte Graf Oginskoi.Gefällt Dir das Mädchen so sehr? Dann findest Du in mir einen Menschen, der Dir aufrichtig seinen Beifall schenkt und zu jeder Unterstützung bereit, ist. Das Mädchen verdient, daß man, um ihre Gunst zu gewin­nen, vor einigen kleinen Ausgaben nicht zurückschent."

Diese Ausgaben könnten sich leicht groß gestalten."

Verfüge über meine Kasse! Morgen nach, der Parade spre­chen wir mehr davon. Ich helfe Dir schon deshalb gern, weil ich ans gleicher Fährte wandte."

Also auch verliebt? Und ernsthaft verliebt?" rief einer der jüngeren Offiziere, und sah den Grafen mit Blicken an, welche sagten: Bitte, erzählen Sie doch!

Oginskoi schenkte dem Fragenden gar keine Beachtung, sondern fuhr, da ihm der Hetmann die Hand reichte, fort:

Du sollst mit mir, zufrieden sein, nur mußt Du versprechen, mir einen Gegendienst leisten zu wollen."

Zehn für einen!" betheuerte der Hetmann.

Hast Du in der Loge Nummer 10 die auffallend schöne Dame in Schwarz bemerkt, welche jeden Abend in dieser Woche regelmäßig darin an der Seite einer anderen, ebenfalls schönen, aber in lebhafte, Farben gekleideten jungen Dame, eines Lieutenants vom Regiment * und eines Herrn in Civil sichtbar ward?"

Ich erinnere mich, in der bezeichnet«: Loge allerdings sine Dame, welche Tranerkleider trug, gesehen zu haben, heute jedoch war sie nicht anwesend im Theater." :

Du irrst, sie war da, und zwar mit ihren'drei Begleitern, nur saß sie heute ganz im Hintergründe, und bald nach Beginn des Bal­lets verließ sie die Loge in Begleitung des Lieutenants."

Ah so! Darum hattest auch Du solche Eile, Paul! Du wolltest ihr begegnen, ihre Bekanntschaft Machen"

Letzteres versteht sich von selbst. ' Ehe dies aber glückt, wird noch einige Zeit vergehen. Heute sprach ich nur den Logenschließer -"

'Nun?"

Entweder ist der Mensch ein Dmmnkopf, oder er stellt sich nur so! Mit yalboffcrrcm Munde lachte er mich an, daß ich ihm am liebsten gleich einen Fußtritt versetzt hätte, und sagte, er kenne die Herrschaften nicht."

Meinst Du, der Schließer werde mrr andere ArrSlünsi geo««.-