Mittwoch, dm 1. Februar.
1865 .
DiescZ Blatt erscheint wöchentlich zweimal, Mittwoch« und Sonnabend«. Preis xr-o Qnartal 7Vs Groschen. Ins Freitag bis 4 Uhr Nachmittags Aufnahme. — Die gespaltene Pctitzeile kostet 1 Groschen.
Inserate finden Dienstag resp.
u
Zwei Stuudcu Frist.
bl Eine russische Geschichte von Ernst Willkomm.
l"k-
>e- _
(Fortsetzung.)
Bald darauf starb Kathinka's Mutter, was Babanosf veranlaßte, die anfänglich zum Winter angesetzte Vermählung auf Bitten, seiner Braut bis zum Frühjahr zu verschieben. Die Trauer der Tochter um die geliebte Mutter, an der sie mit kindlicher Zärtlichkeit hing, gebot ihr, sich von allen rauschenden Vergnügungen fern zu halten. Nur die Oster besuchte sie häufig, da sie wußte, daß sie Babanosf, der dramatische Aufführungen jeder Art leidenschaftlich liebte, damit einen Gefallen erweisen könnte.
Die Loge, welche der Kaufmann ganz allein für sich, die Schwester und Las Geschwisterpaar Eliander gemiethet hatte, diente den einander so innig verbundenen Menschen zn dem ungestörtesten Zusammensein und zu gemüthlichem gegenseitigem Verkehr. Selbst die Bermnthung lag nahe, und wurde wenigstens von Kathinka genährt, daß der Winter nicht ohne, eine Verlobung vergehen werde, wennschon ihr Bruder Herrmann als mittelloser Lieutenant einem Mädchen, das sich ihm verband, keine glänzende Stellung in der Gesellschaft versprechen konnte.
Dieses glückliche Stillleben erlitt plötzlich eine unangenehme Unterbrechung durch die zudringliche Aufmerksamkeit, welche Graf OginSkoi der trauernden Verlobten Babanoffs widmete. Es geschah dies in einer Weise, die Kathinka ernstlich beunruhigen mußte, da der ihr unbekannte Mann sie wie ein Schatten verfolgte. Ihn zu meiden war schon deßhalb unmöglich, weil er die Kunst zn besitzen schien, sich in die verschiedensten Personen verwandeln zu können.
Sie erblickte ihn an der Thür des Hauses, das sie bewohnte, wenn sie in Begleitung ihres Bruders ausging oder zurückkehrte. Er
kniete, scheinbar in Andacht versunken, hinter oder neben ihr in der
Kirche, oder kreuzte ihren Weg, wenn sie Abends das Theater verließ. Zuletzt gewahrte sie ihn sogar an einem Fenster des gegenüberliegenden Hauses, und zwar täglich, stündlich.
Ungeachtet aller Vorkehrungen, welche sow ohl Kathinka's Bruder, der Lieutenannt, als der über den frechen Verfolger seiner verlobten Braut höchst aufgebrachte Babanosf trafen, um die Identität des räthselhaften Mannes festzustellen und diesen in Person zu ergreifen, entzog sich ihnen der Schlaue doch immer mit bewundernswerther Gewandtheit, ohne doch die Bexationen Kathinka's anfzugeben. ES
mußten.ihm ganz ungewöhnliche Mittel zn Gebote stehen und feine
Kundschafter ihm dienstbar sein, sonst hätte er unmöglich so genau wissen können, wo die von ihm Verfolgte zu einer bestimmten Stunde augetroffen werden könne.
Gerade die vielen Metamorphosen, in denen ersich zeigte, machten Kathinka scheu, ängstlich, und erfüllten sic nach einigen Wochen mit einer namenlosen Furcht. Sie wagte kaum mehr das Zimmer zu ver-
- lassen. Selbst ihre gute, treue Amme, der sie wie einer Mutter vertrauen durfte, ließ sie nicht mehr zu sich, ehe sie dieselbe auS der Entfernung gesprochen hatte, denu eines Tages war sie mitten aus der Newski-Perspcetive mit der ihr wohlbekannten Stimme des unheimlichen Verfolgers auch in der Maske dieser Alten angeredw worden.
- Aus dem Allen schloß Babanosf, daß sich eine sehr hochgestellte s Person in dem seiner Braut furchtbar werdenden Verehrer verberge.
! War Meß der Fall, so mußte man doppelt vorsichtig sein, um sich nicht ^ unversöhnliche Feinde zu machen. Schon die leicht hiiigewvrfeue ^ Aeußcrnng eines Verdachtes konnte die weitgrcifcnden Folgen haben;
^ denn eine solche Aenßernng würden die Spione deS Unbekannten diesem ^ gewiß sogleich überbracht haben.
Kathinka's Bruder schlug in einem Familicnrathc, welcher in Baba- »vff's Hause bei verschlossenen Thüren gehalten wurde, vor, die
Schwester solle auf einige Zeit die Hauptstadt verlassen. Diesem Vorschläge aber widcrsetzte sich Babanosf mit größter Entschiedenheit, da er nicht ohne Grund befürchtete, es werde dem zudringlichen Verfolger nicht schwer fallen, Kathinka's Zuflucht auszukundschaften, und diese dadurch nur in eine noch peinvollcre Lage versetzt werden.
Nach längeren Debatten über das Zweckmäßigste, was sich unter obwaltenden Umständen thun lasse, einigte man sich dahin, daß Kathinka in größter Heimlichkeit eine andere Wohnung beziehen solle. Gleichzeitig ward festgesetzt, Kathinka solle das Haus Babanoff's bis auf Weiteres nicht mehr besuchen. In einem möglicherweise dringenden Falle werde ein Billet ihres Verlobten sie dahin rufen, und per sichere Bote, welcher es ihr überreichte, ihr Geleitsmaiin sein.
So glaubten Alle, die Verfolgte vollkommen sicher gestellt zu haben.
Die Uebersiedelung nach der Fontanka geschah in einer sehr finsteren, eisigen Nebelnacht, zu einer Stunde, wo auch die Straßen der großen Czarenstadt vereinsamt sind.
In einer fest verschlossenen Sänfte ward Kathinka in ihre neue Wohnung geschafft. Niemand begegnete den Trägern, deren Verschwiegenheit Babanosf durch reiche Bezahlung erkauft hatte. Nur in den WächterShänschen, deren es zahllose zur polizeilichen Ueberwachun tz der großen Bevölkerung gibt, regte sich der halb schlaftrunkene Be. wohner, wenn sich in Oer Nähe etwas rührte. Aber auch di esc Straßenwächter gaben sich nicht die Mühe, Erkundigungen über die Person eiuzuziehen, welche die Sänfte barg.
Die Absicht, die mau mit diesem unvorhergesehenen Wohnungswechsel verband, schien vollkommen erreicht worden zn sein. Der unheimliche Verfolger Kathinka's verschwand und tauchte auch nicht wieder aus.
Die geängstigte Braut verbrachte in ihrer gesicherten Häuslichkeit, die sie mit ihrem Bruder und der alten Amme theilte, glückliche Stunden, und lebte zur Freude des beglückten Babanosf von Neuem wieder zn einen: heiteren, harmlosen Dasein auf.
Beinahe ein voller Monat verging so in ungestörter Ruhe. In dieser ganzen Zeit war Kathinka nur zweimal in der Wohnung ihres Verlobten gewesen. Das erste Mal hatte sie Babanosf selbst abgeholt, daS zweite Mal geschah es ans die verabredete Weise. Auch auf diesen beiden Ausgängen, welche erst nach Eintritt der Dunkelheit stattfanden, blieb Kathinka Eliander unbelästigt.
Bald nach diesem zweiten Ausgange kam eines Abends Seraphine zn ihrer Freundin, um ihr die frohe Nachricht zn überbringen, daß sie, nach Acußermigen zn schließen, die sie so eben von ihrem Bruder vernommen habe, erwarten dürfe, er werde sich freuen, wenn Lieutenant Eliander sich bald ganz offen gegen ihn ansspreche.
„Herzens-Kathiuka!" rief das lebhafte Mädchen, vor Seligkeit jubelnd, auS, und küßte die schöne Freundin ans Mund und Augen, „wenn dieser mein heißester Wunsch in Erfüllung geht, dann wollen wir allesammt in dem großen Hause meines Bruders wie Geschwister leben und uns um die ganze übrige Welt nicht kümmern. Die gewöhnliche Gesellschaft gibt doch keinen Ersatz für die vielen Opfer, die mau ihr bringt. Was man ihr entzieht, das häuft man geistig in sich als Capital aus, von dem man .in guten Stunden erprobten Freunden etwas abgcben kann. Bist Du nicht auch dieser Meinung ?"
„Du kennst mich genug, um zu wissen, daß ich nur wünsche, ohne feindliche Anfechtungen dnrch's Leben zu gehen", erwiderte Kathinka. „Die jüngste Vergangenheit macht mich frieren, wenn ich mir sie in einsamen Stunden recht lebhaft vergegenwärtige. Zwar sträube ich mich dagegen, eS gelingt mir aber doch nicht immer, den Gedanken Fesseln anznlegcn."
„Unnöthige Furcht!" sprach Seraphine. „Seit man Dich vermißt, bist Du auch vergessen. DaS ist die Manier dieser vornehmen Herren. Sie wollen nichts als Zerstreuung, um ihren Uebcrfluß an Zeit angenehm dnrchzubriiigcn."
„Sprachst Du Hermann?"
„Noch nicht liebe Seele! Es war eigentlich meine Absicht, ihnen
