OIZ am Sonntag
Beilage zur Ostfriesischen Tageszeitung vom 2. Januar 1937
Der„ Wilde Jäger"
Altgermanische Anschauungen im deutschen Volksglauben
Wenn in stürmischen Winternächten, insbesondere in I zen die Zäune frachend zusammen, die Steinmauern berden in der Sage und im Mythus bedeutungsvollen
3 wölf Rauhnächten" zwischen Weihnachten und Dreifönige, die entfesselten Elemente draußen ihre naturgewaltige Melodie anstimmen, der Nordwind heulend um die Dachfirste peitscht und Türen und Tore aus den Angeln zu heben droht, wenn am Winterhimmel durch Wind und Wetter zerrissene Wolken dahinjagen, der Sturmwind in den Wäldern die Schneelast frachend von den Zweigen schüttelt, dann bleibt ein jeder gern daheim, denn da draußen ist es nicht ganz geheuer. Der Wilde Jäger stürmt nach uraltem Volksglauben um diese Zeit an der Spitze seines Gefolges und seiner wilden Meute mit Horrido und Hussassa durch die Lüfte dahin. Der„ Helljäger" fährt oder der„ Mode" zieht um, heißt es dann im Bolksmunde. Die Sturmmelodien bedeuten Musik für den erdverbundenen deutschen Menschen, und die wild aufgepeitschten Wolken am nächtlichen Himmel gewinnen für ihn Gestalt und Leben.
Uvalte altgermanische Vorstellung fehrt in der Gestalt des Wilden Jägers wieder, der in den Zwölf Nächten auf zügellosem Roß mit Gefolge und Meute in unheimlichem Sausen und Brausen des Sturmwindes dahinfährt. Wode ist der Jäger, der pürschend seiner Braut Perchta nachjagt, die ihm auf einem Besenstiel als Here voraufreitet, be= gleitet von topflosen Tieren und Totengerippen. Berchta soll einst, als sie noch eines fremden Mannes junges Weib gewesen, des Wilden Jägers zweite Seelenhälfte getragen haben, die dieser nun ruhe und rastlos erjagen muß. Gemeint ist die altgermanische Weltseele", deren tiefinnerstes Leben das Herz des einsamen Lauschers ergriff, wenn der hehre Vater der Götter im Sturmgebraus der Nacht vorüberzog.
Das Christentum fonnte den nordischen Götterhimmel nicht sofort verschwinden lassen. Altgermanische Vorstellung mischte sich mit christlichem Glauben, bis allmählich dieser die Herrschaft gewann und dort, wo die Reste des heimischen Glaubens noch nicht völlig verwischt werden konn ten, die alten Götter in Gestalten der Finsternis verwandelte. So wurde der Himmelsgott und Allvater zum Wilden Jäger", der in den„ Zwölften" das wütende Heer anführte.
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Unsere Vorfahren vernahmen in dem Geheul des nächt lichen Sturmes, dessen Macht sich in Gebirgsklüften, in mächtigen Wäldern und an Hohlwegen brach und unheimliche Stimmen aus der Höhe erzeugte, das Geräusch von Wodans oder Odins Heer, von seiner wilden Jagd. Im Mittelalter, in dem das Volk durch Jagdfronen und Wildschaden arg geplagt wurde, war diese Deutung auch nur zu natürlich. Geister ehemaliger unbarmherziger Jäger, die im Leben Mensch und Vieh mißhandelt und vor dem Heiligsten keine Ehrfurcht besessen hatten, wurden nach ihrem Tode für Freveltaten ruhelos in den Lüften umher getrieben. Zu allen Zeiten haben sich der Aberglaube und die Volksphantasie dieser unheimlichen altgermanischen Vorstellung bemächtigt, und in zahllosen Wandlungen kehrt in den verschiedensten Gegenden Deutschlands die Sage vom Wilden Jäger und seinem ruhelosen Treiben wieder. In Niedersachsen, besonders in der Harz gegend, wo überhaupt noch kostbare Spuren alten Volks: glaubens anzutreffen sind, ist die Sage vom wilden vom wilden Wode" noch heute fest verwurzelt. Er reitet ein weißes Roß, wie einst Odin den Sleipner, und wilde Hunde fol. gen ihm als Meute. Wo er seinen Weg hernimmt, da stür
Humor
Zu dem Halleschen Orientalisten Wilhelm Gesenius, der einige gute Werke über die hebräische Sprache geschrieben hat, tam einst ein Student, um ihn um Honorarerlaß zu bitten. Gesenius lehnte ab. Da bat der Besucher, ihm wenigstens die Hälfte zu erlassen.
Herr!" brauste Gesenius auf.„ Wollen Sie mit mir handeln? Wofür halten Sie mich eigentlich?" „ Für den größten Hebräer' unserer Zeit." Esprit muß belohnt werden, dachte Gesenius, lachte und bewilligte den Erlaß des ganzen Honorars.
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Mar Adalbert spazierte eines Nachmittags mit Freun den durch den Friedhof eines Berliner Vororts. Dort ruhte neben anderen Schauspielern ein Regisseur, mit dem Mar Adalbert zu Lebzeiten nicht gerade befreundet ge
wesen.
Adalbert verweilte einen Augenblick vor dem kleinen Urnengrab, las die Inschrift:
X. X.
Ein Großer Künstler. Ein Guter Mensch. Meinte Adalbert, halb spöttisch, halb mitleidig, immer jedoch treu in seiner Abneigung:
„ Sehr merkwürdig, daß in einem so kleinen Grabe drei Leute begraben wurden".**
sten und der Weg wird frei. Gegen Morgen aber schließen sich wieder die Lücken und die Zäune richten sich wieder auf.
In Thüringen und Mitteldeutschland weiß der Volksmund zu berichten, daß das Roß des nächtlichen Jägers nur drei Beine besize, wie das der Todesgöttin Hel, andere wiederum wollen ihn auf einem zweibeinigen Rosse gesehen haben. Er reitet meist bestimmte Wege, oft so schnell, daß die Hundemeute ihm nicht immer zu folgen vermag, die man feuchen und heulen hören kann. Oft bleiben auch einzelne Tiere, wenn der Wilde Jäger durch die Häuser fährt, am Herde zurück, und erst im folgenden Jahre schließen sie sich in den„ Zwölften" wieder der wilden Meute an.
An eine ganz bestimmte historische Person knüpft die Sage vom Wilden Jäger im Solling und in einigen Gegenden Westfalens an. Hier heißt im Volksmund der Wilde Jäger„ Hackelberg" oder auch„ Hackelberend", das heißt ,, Mantelträger". In dieser Benennung spiegeln sich besonders deutlich die Spuren Wodans oder Odins wider. Denn der große dunkle Mantel, der den Allvater, den Vater der Götter und Menschen, nach altgermanischer Vorstellung umgab, ist das Himmelsgewölbe.
Sage und Dichtung haben sich immer wieder des in vielen Gegenden Deutschlands verbreiteten und bis heute lebendig gebliebenen Volksglaubens vom„ Wilden Jäger" als dem Urbild eines rastlosen und leidenschaftlichen Weidmannes bemächtigt. So mannigfaltig im einzelnen der Volksmund die Erzählungen vom„ Wilden Jäger", der unstet und ratlos bis zum Jüngsten Tag mit seiner Meute durch die Lüfte dahinfährt, gestaltet hat, so übereinstimmend sind sie alle in ihren Grundsägen, die unverkennbar uralten germanischen Vorstellungen entsprungen sind.
Dr. Mm.
Osterode im Harz
蛋蛋 用
E. von Lilljeström( Deite M)
Hannes ging nach Kanada
Erzählung von Erich Kunter
Lisbeth führte den Gemeindepfleger zur großen, Bauernstube, in der die Mutter sich aufhielt. Die alte Frau saß auf der Holzbank hinter dem massiven Tisch vor der aufgeschlagenen Bibel.„ Ich möchte mit Ihnen noch mals wegen des kleinen Grundstücks an der Kinderschule sprechen", sagte der Gemeindepfleger nach kurzer BeWir wollen es kaufen, Frau Mertes, der Ge= grüßung. meinderat hat gestern den Beschluß gefaßt. Ihr wißt, es soll einem guten Zweck dienen. Aber wir muten Ihnen nicht mehr zu, die Baumwiese zu verschenken."
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Die alte Frau lachte kurz auf.„ Als wenn mir's darum wäre! Mein Eigentum ist mir nicht feil. Ich verschenke es nicht, und verkaufe es ebensowenig. Ich erklärte Euch letzthin schon deutlich genug, daß ich unter feinen Umständen das Stück Land hergeben werde."
Der Gemeindepfleger ließ sich nicht so schnell abweisen und versuchte erneut der Alten ins Gewissen zu reden. ,, Sehen Sie, Frau Mertes, der verstorbene arme Wegwart hat das Häuschen der Gemeinde vermacht unter der Bedingung, daß darin eine Kinderschule errichtet werde. Wollen Sie dem Taglöhner an wohltätigen Werken nachstehen? Denken Sie daran, wievielen Kindern Sie Licht, Sonne und Freude geben, wenn Sie das Stückchen Land an uns abtreten!"
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Wer gibt am meisten zum Gemeindepfennig?!" fragte die Mertesbäuerin mit scharfer Stimme dagegen.„ Sorge ich nicht genug für Eure Armen und Alten?" Sie erhob sich und sagte schroff: 3wingen lasse ich mich nicht, Lorenz, das wißt Ihr! Und wenn ich nein sage, so habe ich meinen guten Grund dafür."
An dem harten Schädel zerbrach jeder fremde Wille und Einfluß. Der Gemeindepfleger mußte zum zweitenmal in dieser Angelegenheit unverrichteter Dinge von dannen ziehen.
Vorm Haus traf er Lisbeth, die Tochter, wieder, mit der er ins Gespräch kam.
„ Onkel Lorenz", sagte sie zögernd, und ihr sonngebranntes, stets ernstes Gesicht war von Düsterfeit umwölft. Alois ist fort."
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Der Gemeindepfleger blieb stumm bei dem Mädchen stehen. Er scheute die Worte, die ihren Schmerz kaum hätten sänftigen können. Er wußte, daß Alois, der Groß fnecht, heimlich mit ihr verlobt war.
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Sie begleitete ihn ein Stück Weges und erzählte ihm, zu dem sie von Kind auf Ontel sagte, von ihrer Herzensnot. Alois hat gestern eine Auseinandersetzung mit der Mutter gehabt. Sie behandelte ihn schlecht, und er ließ sich zu heftigen Worten hinreißen.„ Ich will Euren Hof und Euer Geld nicht" sagte er zu ihr. Ich will nur Eure Tochter. Und für uns beide hat meines Vaters Hof noch genügend Play."
,, Und was antwortete deine Mutter darauf?"
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" Sie sagte:„ Ja, zum Hungerleiden. Und nach fuszer Zeit liegt ihr mir in den Ohren, daß ich meinen Hof doch
nicht allein bewirtschaften und auch nicht mit ins Grab nehmen könne. Und so weiter. Man fennt das. Nein, solange ich lebe, verwalte ich den Hof für Hannes, meinen Lorenz und Lisbeth einzigen, den rechtmäßigen Erben." blieben auf dem freien Felde stehn, das im letzten Glanz der Abendsonne lag. Schwer wars dem jungen Mädchen ums Herz, und sie klagte dem Manne ihr bitteres Geschick. ,, Meiner Mutter habe ich meine Jugend geopfert, und nun soll ich ihr auch noch mein Glück opfern. Ich bin nicht mehr jung, Onkel Lorenz, der Alois war mir alles Und wer steht immer zwischen uns? Der Bruder, oder vielmehr sein Schatten. Er hat uns verraten und be= trogen, hat die Mutter um die Ruhe ihrer Seele gebracht und mich um Liebe und Glück. Mehr noch: sich selber hat er um die Heimat betrogen."
Sie wurde immer erregter.„ Seht Onkel Lorenz, da drüben an dem Birnbaum ist er vor sechs Jahren, als er zu Besuch aus Amerika hier war, gestanden mit Mutter und mir. Nie vergesse ich es, nie überwinde ich den Schmerz, als er dort die bösen Worte sprach: ,, Das nennst du Hof und Heimaterde? Erde?! Steiniger Boden i das! Für einen Landwirt von heute taugt er nicht. Keine Gefühlsduseleien! Man muß sich den Forderungen der Neuzeit fügen, wenn man's heutzutage zu etwas bringen will. Heimaterde! Larifari!"
Das Mädchen brach in Tränen aus. Und auf so einen wartet sie! Glaubt an ihn, an seine Rückkehr wie ans Evangelium. An diesen Nichtswürdigen, der die Heimat und alles, was uns teuer ist verachtet."
Ja, die alte Mutter wartete auf den verlorenen Sohn und glaubte unerschütterlich an seine Rückkehr.„ Er ist fein Abtrünniger", äußerte sie einmal, er hat das Blut der Mertes in sich, die seit Jahrhunderten hier auf dem Hof sizen. Die Wanderlust treibt ihn um, wie viele Schwaben. Auch seine Vorfahren gingen manchmal über den großen Teich, fanden aber alle wieder heim."
Aus Lisbeth hatte lange Zeit, wie die Mutter, fest daran geglaubt, daß der Bruder zu den Seinen in Sie Heimat zurückkehren werde. Aber nach all den Jahren und Enttäuschungen glaubte sie nicht mehr daran. Es ging ihm gut in Kanada. Er war Mitbesitzer einer großen Farm, auf der sich der Aderbau rentierte". Lächerlich, dem fümmerlichen Boden der Heimat das Lebensnotwendige abzuringen, wenn man hier alles in geradezu paradiesischer Fülle haben konnte. und lebte frohgemut in der Fremde, in seiner„ zweiten Heimat".
Seine Briefe wurden selten und seltener. Die Mutter wartete unentwegt und hütete für den Sohn das Erbe der Väter.
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Er trat es nimmermehr an, starb in der Blüte seiner Jahre an einer tüdischen Krankheit fern der Heimat. Vom Krankenlager schrieb er einen Brief nach Hause:... einen letzten Wunsch, liebe Mutter: sende mir von der
