OT3 am Sonntag

Beilage zur Ostfriesischen Tageszeitung vom 13. November 1937

Gluck und das Lügenmesser

Heitere Geschichte von Heinz Raschert

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In der Freien Reichsstadt Frankfurt. Kurz bevor Erz­herzog Joseph zum Kaiser gesalbt wird, spaziert er an einem dem Nachmittag, ohne Hofgesellschaft, mit seinen Freunden Ritter Gluck und dem Hofvirtuos Karl Dikters am Main entlang. Man spricht von nationalen Eigentümlich­teiten und schließlich von Nationalgetränken.

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,, Der Frankfurter schwört auf seinen Aepfelwein", sagt Ditters, ich habe es mir erzählen lassen. Ganz in der Nähe, in Sachsenhausen, sind die berühmten Aepfelweinkeltereien. Haben Hoheit keine Lust, das Getränk zu versuchen?"

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Der Fürst wie immer sofort Feuer und Flamme für eine Sache, willigt ein. Und da Meister Gluck zungenschnal­zend beistimmt, geht man über die Mainbrücke nach Sachsen­hausen.

In der Goldenen Harfe" reißt die Gemütlichkeit nicht ab. Man singt ein Lied nach dem andern und übertrumpft sich gegenseitig in Lobsprüchen auf den Aepfelwein. Oder schlägt übermütig auf den Tisch, daß die Krüge wackeln.

man

Die drei Herren aus Wien nehmen Plaz an dem großen, zunden Stammtisch.

Hier sieht man nur fröhliche Gesichter! Der Aepfelwein muß fürwahr ein Frohsinnspender sein", sagt der Erzherzog und trinkt seinen Be= gleitern zu.

Ritter Gluck sett mit essigsaurer Miene den Krug ab: Pah! Wenn ich solch ein Gesöff bei der Arbeit trinken müßte, brächte ich teine zehn Tatte zusammen. Wie anders flutscht es beim Champagner", meint er begeistert.

Die Stammtischgäste hören auf jedes Wort und mustern die Fremden.

Da lob ich mir unser Nationalgetränt, mein Hieber Ditters!" lächelt der Erzherzog. Die fünf­zig Faß Tokaier in meinem Keller sind ein wahres Meer von Gold gegen diese Galläpfelbrühe!" Ditters schlürft behaglich. Ein föstlicher Trant. Wenn ich davon nur tausend Flaschen liegen hätte."

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Lieber Ditters! Zuvor müssen Sie hundert Flaschen Champagner trinken, dann ändert sich The Geschmack", sagt Glud überzeugt. Eine ver wöhnte Zunge betrügt man nicht mit diesem Zeug. Hab ich recht, Hoheit? Oh Glud entschul­digt sich, aber die Soheit" ist nun mal heraus. Die Stammtischgäste wissen mit Soheit" nichts anzufangen, und da ihnen die Unterhaltung ohne­hin zuwider ist, verhöhnen sie die Fremden mit ihren Blicken. Einer von ihnen, ein Sachsen­häuser Bürger, hat scheinbar etwas auf dem Herzen. Er steht auf und zerrt an einer Kordel. Augenblidlich schaukelt ein großes Fleischermesser, das über dem Stammtisch hängt, über den Köpfen. Die am Messer befestigte Schelle bimmelt, zum Zeichen, daß am Tisch gelogen worden ist. Und das Messer, hierzulande Ausschnitt­Lügenmesser genannt, soll gleichsam die Lüge klein­schneiden, bis zur Wahrheit.

,, Was bedeutet das Gebimmel?" fragt Gluck über den Tisch geneigt.

des Spiels auch an die Krönung denken; denn oft verlangsamt er den Strich und merkt gar nicht, wie Gluck ihm den Takt an­gibt. Desto taktfester und inniger geigt Ditters. Er ziert die einfache Melodie mit glänzenden Läufen. Meister Gluck lächelt ihm zufrieden zu.

Die Gäste staunen die Fremden an. Und als sie die In­strumente absetzen, ist man gerührt und vergißt den Beifall. Die wandernden Musikanten schämen sich.

Nur der Sachsenhäuser muß wieder am Lügenmesser zerren. ,, Was wollen Sie denn jetzt noch für eine Lüge klein­schneiden, mein Herr?" fragt Gluck und macht sich über den Biedermann lustig.

,, Daß Sie Musik mache könne, habb ich gehört und gesehe. Auch der Große", er meint Ditters, beherrscht die Kunst. Aber hier der", er zeigt auf den Fürsten, der lernt die Sach im Lebe nit, so wenig wie's Aeppelweitrinke. Und wenn Sie das abstreite, zieh' ich am Lügemesser!"

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Alle Achtung vor Ihrem Urteil", lächelt Glud, geht auf den Sachsenhäuser zu und spricht in geheimnisvollem Ton: ,, Sie haben recht, mein Herr. Der jüngste von uns ist und

Eine Brücke entsteht

" Das heißt", sagt der Sachsenhäuser und zerrt wieder an der Kordel, daß wir Ihre Lüge jetzt kleinschneide wolle, meine Herrn.

Der Fürst, Gluck und Ditters sind erstaunt. ,, Wir haben den Aepfelwein zu laut getadelt", flüstert der Fürst.

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Glud:

Der Sachsenhäuser setzt sich und wendet sich an Glaube Sie vielleicht, wir lasse uns von Ihne unsern Aeppel wei verleide? Und Sie", er sieht den Erzherzog an, das is tei Galläppelbrüh! Wisse Sie, was Sie getrunke hawwe? Echt Sachsehäuser Aeppelwei, der mehr Kraft hat wie Sie. Bürsch­chen, Bürschchen", droht der Sachsenhäuser, Sie hawwe nit die best Kinderstubb gehabt!"

Scheint mir auch so!" antwortet der Fürst. Er möchte bersten vor Lachen, weil ihn der biedere Bürger ein Bürsch­chen genannt hat. Freilich ist der Erzherzog erst dreiund­zwanzig, also siebenundzwanzig Jahre jünger als Gluck. Und Ditters ist fünfundzwanzig.

Ich habb geglaubt", sagt der Sachsenhäuser wieder zu Gluck und deutet auf den Fürst, ich habb geglaubt, das wär Ihr Sohn. Das Bürschchen ist wohl start mit Einbildung ge­pudert, he? Läßt sich von Ihne tituliern? Und daß Sie nur bei Champagner arbeiten könne, ist geloge. Der Tokaier ist geloge, und der Titel ist auch geloge. Alles Aufschnitt, ver­stande?" Der Sachsenhäuser zerrt abermals an der Kordel.

Die anderen Bürger am Tisch nicken und laben sich sichtlich an der Rede ihres Freundes.

Niemand freut sich mehr über den Augenblick als der Erz­herzog. Gluck möchte loswettern, scheinbar besinnt er sich aber anders und lächelt. Da sieht er durch die Türe drei wan­dernde Musikanten kommen, die aufspielen wollen. Die Ge­legenheit faßt er beim Schopf und sagt: Wir Musikanten müssen lügen, sonst wird unsere Musit nicht geglaubt."

Der Sachsenhäuser läßt das Lügenmesser wieder schaukeln: Musikanten? Ihr seht alle drei nicht danach aus. Gelogen!" Die Gäste schwigen vor Neugierde und lachen.

Jetzt ist die Reihe an uns, die Lüge durchzuschneiden", ruft Gluck freudig aus und stürzt förmlich auf die beiden Violin­spieler, bittet um ihre Instrumente und drückt die eine Geige dem Erzherzog, die andere Ditters in die Hand. Er selbst nimmt von dem dritten das Cello.

Allmählich fümmern sich alle Anwesenden um die fremden Herren. Aber noch ehe man den Sinn der Dinge begreift, haben Gluck, der Erzherzog und Ditters die Instrumente ge­stimmt Gluck gibt den Einsatz, und eine Gavotte erklingt. Alles spitzt die Ohren! Der Fürst hat einen Freudentag. Das größte Glück, wieder einmal ein Mann des Volkes zu sein, [ piegelt sich in seinen blauen Augen. Doch mag er während

AEG

lischen Zeitungen werden davon berichten, daß die Bevölke rung infolge von Inzucht ausgestorben ist, und die Leser werden Dieser billigen Ausrede aus Mangel an Kenntnis der wirt­lichen Sachlage Glauben schenken.

Ein Säuptling auf Bougainville rühmt mir die große Sauberkeit der Deutschen, lobt die deutschen Beamten, mit denen er stets ein gutes Auskommen gefunden hatte, und bedauert, daß die mustergültigen deutschen Plantagen, der Er­folg jahrelanger zäher Arbeit, von den neuen Herren in so schändlicher Weise zugrundegerichtet wurden. Während die Engländer in dem Teil der Salomoninseln, der unter ihrer Verwaltung steht, den Deutschen ihr Privateigentum beließen, haben die Australier allen deutschen Besitz in der rücksichts­losesten Weise enteignet.

Tausende von Pflanzerfamilien wurden buchstäblich von heute auf morgen um ihr Lebenswerk gebracht, aus ihren Wohnungen vertrieben, und man hatte sogar noch die Stirn, sie mit Entschädigungsansprüchen an das Deutsche Reich zu verweisen. Jede Lebensmöglichkeit wurde ihnen gewaltsam genommen, und wenn ich trotzdem auf der einen oder anderen Insel einen deutschen Farmer antraf, so rang er schwer um sein Dasein und mußte ständig darauf gefaßt sein, von der australischen Konkurrenz, die den Eingeborenen wahre Schund­löhne bezahlt, abgewürgt zu werden. Von den großen Be­sizungen ist keine mehr in deutschen Händen. Durch ein Gesez hat man sie unter den vom Kriege heimkehrenden australischen Soldaten verteilt, die von der Bewirtschaftung einer Plantage in den meisten Fällen nicht die leiseste Ahnung hatten und so wertvolle Güter im Verlaufe von wenigen Jahren völlig vernichteten. Um einen Versuch, die verwahrlosten Plantagen wieder hoch zubringen, einigermaßen aussichtsreich zu gestalten, sah sich die australische Regierung gezwungen, ihren Kolonisten Betriebskredite großen For­mates zu gewähren. Selbstverständlich witterten australische Firmen sofort ein günstiges Geschäft und boten den in Bedrängnis befindlichen Far mern hohe, Darlehnssummen an. Natürlich nur gegen hypothekarische Sicherstellung, und binnen kurzem waren die einst blühenden deutschen Plans tagen bis zur Höchstgrenze belastet.

Geradezu entsetzt war ich, mit welcher Bruta­lität die Australier ihre schwarzen Arbeiter be­handeln. Trotzdem diese, wie mir ein deutscher Kolonist erzählte, bei richtiger Behandlung un­gemein willig und arbeitseifrig sind, werden sie von den australischen Farmbesizern ständig wegen ihrer Faulheit beschimpft. Anfangs verschreckt, schließlich aber verbittert, verfällt der Eingeborene in Teilnahmslosigkeit und empfindet seinen Herrn nicht als Führer, sondern nur als Bedrüder. Die Arbeitszeit läuft von fünf Uhr früh bis elf Uhr nachts, die Pausen sind so kurz, daß die Ar­beiter faum ihre Nahrung zu sich nehmen können, die ohnehin nur aus etwas Reis und einigen Fischen besteht. Weder Sonntags= noch Feiertagsruhe gilt für die Schwarzen; wird einer von ihnen frant, so nimmt sich niemand seiner an. Ganz anders auf den deutschen Plantagen, soweit sich ihre Besizer noch behaupten konnten. Auf einer kleinen Insel traf ich mit einem ehemaligen Deutschen zusammen, der mit der eingeborenen Bevölkerung in freundschaftlichem Verhältnis lebte und auf seiner kleinen Pflanzung ohne Peitsche und Brutalität so mustergültig Ordnung zu halten verstand, daß er ringsum von seinen Nachbarn beneidet wurde. Freilich, er kämpft hart um sein Dasein. Der Preis für die Kopra, das einzige Landesprodukt, mit dem sich überhaupt noch namhafte Geschäfte machen lassen, ist in verhältnismäßig furzer Zeit so erheblich gesunken, daß von dem Erlös oft nicht einmal die Betriebskosten gedeckt werden konnten. Eins

lzschnitt von Selle Hasse( Deike M)

wird kein Musiker. Unter uns gesagt: er hat es auch nicht Gluck be= nötig. Denn er wird in den nächsten Tagen" schreibt mit der Hand einen Kreis über seinem Kopfe getrönt".

Verlorenes Paradies Südsee

Das Schicksal der ehemaligen deutschen Kolonien

Bon Dr. Hugo Adolf Bernagit

Auf dem kleinen Segelfutter, der mich von der Insel Ma­laita nordwärts an den Korallenriffen von Isabel vorbei nach Choiseul bringen wollte, hörte ich von einem melanesischen Bootsmann das erste vom Schicksal der deutschen Kolonisten. Mit einem scheuen Seitenblick auf einen australischen Unter­offizier, der die Fahrt mitmachte, erzählte er mir in furzen Worten, wie unglücklich er darüber sei, daß es im Bereich der Südsee keine deutschen Kolonisten mehr gebe. Obgleich seit dem Weltkriege fünfzehn Jahre verstrichen waren, erinnerte er sich noch sehr gut der deutschen Farmer und Soldaten und hatte es nicht vergessen, wie diese den Eingeborenen immer viel mehr Verständnis entgegengebracht hatten als die Engländer oder Australier.

Besonders mit den letzteren war er gar nicht zufrieden. Sie fommen als Eroberer, Herr", sagte er mit traurigem Gesicht, sie nehmen uns Grund und Boden. Wir müssen arbeiten wie die Sklaven und bekommen dafür so wenig, daß wir kaum leben können. Bei unseren deutschen Herren war das anders. Sie leiteten uns zur Arbeit an, waren unsere Lehrer, aber nicht unsere Sklavenhalter."

Weiter kam der Melanesier mit seinem Bericht nicht. Der australische Unteroffizier war auf unser Gespräch aufmerksam geworden und beeilte sich, mir auseinanderzusehen, welche Seg­nungen die englische Kolonialverwaltung dem Mandatsgebiete bringe. Er sprach von neuen Plantagen, von Straßenbauten und Hafenanlagen. Davon freilich schwieg er, daß auf all den pielen kleinen Salomoninseln die gesundheitlichen Verhältnisse der Eingeborenen unaufhörlich eine Verschlechterung erfahren, daß Malaria und Schwarzwasserfieber die Bevöl­terung dezimieren und es vielleicht nicht einmal mehr fünf Jahre dauern wird, bis die melanesische Bevölkerung auf ein armseliges Häuschen zusammengeschmolzen, ist. Von seiten der Kolonialbehörden geschieht nur wenig zur Bekämpfung der Seuchen.

Wenn die Zustände im Bereich der ehemals deutschen Süd­see- Kolonien so fortdauern, wie sie jetzt sind, dann wird zur Zeit der Abstimmung, die den Eingeborenen die Selbstverwal­tung bringen soll, kein Melanesier am Leben sein, die austra=

Auf Matira hat man der Bequemlichkeit halber jeborene, die an das Leben im Busch gewöhnt waren, zum Verlassen ihrer Wohnsize im Innern der Insel veranlaßt und sie an der Küste angesiedelt. Dort leben sie zusammengedrängt in erschreckend schlechten Behausungen, die ihnen nur notdürf­tig Schutz vor Regenstürmen und Tropengewittern gewähren, unmittelbar neben den Siedlungen liegen riesige Haufen ge­leerter Rokosschalen, die bei dem wahnsinnigen Arbeitstempo, das die Australier von ihren Arbeitern verlangen, nicht vera brannt werden, so daß sich das Regenwasser in ihnen sammelt und gefährliche Brutstätten für die Larven der Anopheles= mücken abgeben. In dieser Gegend traf ich keinen einzigen Eingeborenen, der nicht unter schweren Malariaanfällen ge­litten hätte. Schwarzwasserfieber ist hier eine so alltägliche Krankheit, daß es völlig aussichtslos erscheint, sie wirksam zu bekämpfen. Der Wohlstand, die Reinlichkeit und die Freude an der Arbeit, seinerzeit von unerschrockenen und zielbewußten deutschen Männern nach der Südsee verpflanzt, sind von Elend, Armut und Krankheit verdrängt worden

Bücherscha.

Drei Kinderbücher

Rolf fährt na Amerika. Von Doris Lautenschlager. Rolf hat sich einen Zeppelin gebaut und fährt damit nach Amerika. Es wird eine wundersame Fahrt. Was sieht er nicht alles von oben! Den stolzen Rhein, der mächtig und stolz durch die Lande fließt, Berge und Burgen, Holland mit seinen Mühlen und saftigen Weiden, das gewaltige Meer, auf dem die Dampfer im Sturme schaukeln, und schließlich Neuyork mit seinen Wolkens frazern und der großen Luftschiffhalle, in der er ,, vor Anter" geht. Möchten nicht alle Jungen eine solche Fahrt mitmachen? Sie können es, wenn sie das mit schönen Bildern ausgestattete Buch besitzen.

Ball der Tiere. Eine altbekannte Reimegeschichte mit neuen Bil dern von Frit Baumgarten, die in drolliger Weise die, Tierwelt schildert. Die Reime und die farbigen Bilder werden den Kindern viel Freude bereiten. Grimms Märchen Ein Märchenlesebuch, das die Märchen ,, Dorne röschen" und ,, Der Froschönig" enthält Märchen, die ewig neu bleiben und wie früher uns auch immer wieder die Jugend entzüden werden. Brünhild Schlötter hat es mit sechzehn farbigen Vollbildern versehen, die recht glück. lich die bunte Märchenwelt veranschaulichen

Die Bücher sind sämtlich im Verlag von Joh. Scholz, Mainz, erschienen. Joh. Fr. Dirts.