Nr. 302.
Sonnabend, 25. Dezember 1909.
Von der Christmette heim.
Wilhelmshavener Tageblatt.
Eine Weihnachtsgeschichte aus dem Schwarzwald von Hans Brandeck.
2. Beilage. Expedition: Kronprinzenftr. 1.
Vor einem halben Jahre, als die Sonne goldig über den„ Schatz, Schatz! Jst es wahr? Und Du willst mich auch Bergen, über den weiten Tannenwäldern und den lockend wieder?" grünen Matten dazwischen lag, da hat er sich von dem kom- Ich hab' noch nie andere Gedanken g'habt, Rudolf!" menden Christfeste ein Ereignis versprochen, nach dem sein Da schloß er die schlanke Gestalt in seine Arme und füßte Herz verlangt hat, in all den Jahren, da ihn sein Amt auf innig den roten Mund. Eben trat der alte Pfarrherr aus der ( Nachdruck verboten.) B diesen Höhen festhielt. Kirche. Verwundert und etwas entrüstet darüber, daß sich Weit drinnen im Schwarzwald liegt St. Berenen. Und jetzt? Jener Traum, in dem er sich Hand in Hand die zwei für ihre Liebkosungen feinen anderen Ort ausgesucht Ein einfames Kirchlein mit schindelgedeckter Turmkugel, mit dem geliebten Mädchen sah unter dem leuchtenden Weih- hatten, als gerade die Kirchenpforte, ging er näher. Aber die Wohnung des Pfarrers daneben und ein Wirtshaus. Das nachtsbaume, hatte keine Wirklichkeit erfahren. Einsam, fern er hatte die beiden bald erkannt. Lächelnd trat er abseits ist alles. Sonst keine menschliche Behausung im Grunde des der Heimat, ohne Liebe und ohne Weihnachtsfreude, würde und empfand eine Weihnachtsfreude mehr. Tälchens. Und doch sind an Sonntagen die Bänke des Gottes- er dieses Fest verbringen müssen. Und wieder stieg ein Seuf- Es war eine halbe Stunde zur Mühle. Der Weg zog sich, hauses angefüllt mit Betern. Von vier Ortsgemeinden strömen zer aus seinem Herzen auf. über die Höhe durch den Wald. sie herbei zu dem stillen Kirchlein, um da dem Herrn der Welt Schon zeigte sich im Osten der graue Schein des aufsteigenthren sonntäglichen Tribut zu entrichten. Sie hatten sich ewige Liebe und Treue geschworen. Aber Weihnachtsmorgen ist's! der Vater wollte mit seinem Kinde andere Wege gehen und den Morgens. Die Hände ineinandergelegt, schritten die zwei Noch liegt das Dunkel der Nacht über den gewaltigen duldete die Liebschaft des jungen Lehrers mit der Tochter Liebenden auf der Schneebahn dahin. Sie waren die Lekten. Von einer Straßenbiegung herunter drangen Kinderstimmen, nicht. Bergen. Nur gen Westen leuchtet noch bes untergegangenen die sich erzählten, was der Weihnachtsmann ins Haus gelegt. Mondes blasser Schein herüber und läßt die Konturen des Da gingen sie auseinander, sahen sich selten mehr und Jenseits vom walbigen Schartenkopf her klang das meloSchartenkopfes unterscheiden, der seine Nase zwischen zwei schienen sich fremde Menschen geworden. In seinem Herzen dische Läuten eines Schlittengespannes, das die Kirchenbesucher Täler hineinschiebt. Weit in der Runde liegt Schnee. Schnee erwachte neben der Liebe ein Groll über sein Schicksal und ein eines ferngelegenen Hofes wieder der Heimat zubrachte. Die auf den hängigen Bergmatten, Schnee im Walde und auf den weher Schmerz über die rasche und scheinbar mühelose Aufgabe klare Morgenluft trug das Singen der Insassen her:„, du spizen Wipfeln der Tannenbäume. Doch die Wege sind gebahnt. des Widerstandes seitens der Geliebten. fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!" Wunderbare Stille hüllt die einsame Welt hier ein. Hatte sie ihn je lieb gehabt, oder waren ihre Schwüre Durch die schneebehangenen äfte der jungen Tannenbäume Da jett fängt unten in St. Verenen eine Glocke an und Versicherungen nur eitel Schein, nur leichtfertige Ein- huschte ein früherwachtes Vögelein. Stumm, die Herzen voller zu läuten. Es ist das„ Zweit" zur Weihnachtsmette. Feier- gebungen des Augenblicks gewesen? Er hatte sich den Glau- Liebesglück, stiegen die Beiden durch den winterlichen Wald lich schwingt sich der eherne Klang an den Berghalden hinauf ben an solches schon oft eingeredet, und jetzt an diesem Weih- zur Höhe empor. und ruft mit schwingendem Munde die frommen Wälderleute nachtsmorgen bestärkte ihn seine Stimmung erst recht in der Johanna", begann da der Lehrer,„ ich habe an der Echtherbei zum Dienste des Herrn. heit Deiner Liebe zu mir gezweifelt."
Oben, wo die Kamm
höhe des Schartenkopfes ausläuft, stapfte ein junger Mann durch den Schnee. Beim Klang der Glocke blieb er stehen und sah sich um. Da unten St. Verenen. Die Kirche ist erleuchtet, und der Kerzenschein dringt milde durch die verbleiten Buzenscheiben der romanischen Fenster.
Jetzt wendet sich des einsamen Wanderers Blick nach dem jenseitigen Tale. Der Wald verhindert die Ausschau hinunter. Und doch liegt vor dem Auge des Mannes der schmale Spalt des Tales, mit den jezt verschneiten Wiesengründen, dem stattlichen Haus am Bache, der Mühle, und sein Ohr hört das Wasser rauschen, das sich über die Sperrbalken des Wehrs stürzt.
Ein Seufzer entwindet sich seiner Brust, aber eilig. schreitet er weiter.
Jetzt tauchten da und dort, hüben und drüben Lichter auf, die sich bewegen, einzelne schon im Tale, andere noch auf den Bergen und im Walde. Blizzschnell verhuschen manche wieder im Dunkel der Tannen; und ihr Kommen und Schwinden schafft in der schweigenden Nacht einen eigenartigen Zauber.
Die Lichtträger sind die Beter aus den vier Ortsgemeinden, die die den den oft stundenweiten, beschwerlichen Weg über Berg und Tal nicht scheuen, um der Christ= mette anwohnen zu können. Bald dürfen sie die Laternen löschen und neben der Kirchhofmauer niederstellen. Dann nimmt sie das lichterfüllte Kirchlein auf. Weihestimmung zieht in ihre Herzen.
Annahme.
ehre sei gott in der höhe und friede auf erpen und den wenfchen sin wahlgefal
Sum Chriftfeste.
Tun fenkt auf leifen Engelsfchwingen Sich nieder die geweihte Nacht, Und Friedensworte hör' ich klingen, Und Luft und Freude find erwacht. Das Herz, umgrämt von Alltagsforgen, Stimmt frob in folche Klänge ein; Es weiß: Ein rechter Weihnachts
morgen Muß auch ein Feit der Freude fein.
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Und ob des Kummers lichte Zähre Dem Armen von der Wange rinnt Daß es die Leidensnacht verkläre, Erfchien des бöchften Weihnachtskind. Es fcheucht hinweg die trüben Sorgen Und läßt den Weihnachtsstrahl bereinFürwahr: Ein rechter Weihnachts
morgen Tuß auch ein Feit des Lichtes fein.
Nun läuten alle Glocken; der vielstimmige Klang der
O ew'ge Liebe, einft geboren Jn Armut und in Niedrigkeit, Du fuchft, was irrend und verloren, Und wandelft es in Herrlichkeit! Kein Hüttlein bleibt vor dir verborgen, Пicht ungehört die ftumme Pein Du lebrít: Ein rechter Weihnachts
morgen
Muß auch ein Feit der Liebe fein.
So kehre denn in trauter Stille Auch heute wieder bei uns ein Und deiner Gaben Fülle
Bei Tannenduft und Kerzenfchein! Jn deinem Schoße trägit verborgen Ein Kleinod du für groß und klein Wir ahnen's wobl: Ein Weihnachts
morgen Muß auch ein Feft des Segens fein.
,, Da tatest du Unrecht, Liebster. Und warum?"
"
Weil du dich ohne
weiteres dem Befehle deines Baters fügtest. Ich meinte,
eine wahre Liebe sollte mehr Kraft zum Widerstande befigen!"
, Dann gingen wir zwei jetzt nicht miteinander heim. Dem Bater hab ich noch in allen Dingen gehorcht.' s ist dann jedesmal g'gangen, wie ichs hab haben wollen!"
mir"
Wirklich? Bitte erzähl'
,, Also, das weißt du ja, daß der Vater mir einen andern hat geben wollen. Den hätt' ich schon gar nit g'nommen. Aber das mußt' man schlau anpacken. Erst bin ich auf den Plan des Baters eing'gangen und hab' getan, als ob ich mir dich ganz aus dem Kopf g'schlagen hätt. Dann hab' ich mich um den Andern bekümmert und dies und das über ihn erfahren. Das hat der Bater so nach und nach alles hören müssen, bis er endlich selber eing'sehen hat, daß es mit dem nichts ist. Jetzt ist die Mutter auf meine Seit' getreten, und mit dem Vater hat sie immer zu reden verstanden. Auf Weihnachten hab' ich immer g'hofft. Aber es hat die Tag' her nicht recht gut ausg'schaut. Bis gestern Abend nach dem B'scheeren der Bater selber ang'fangen hat. Und dann hat er mich g'fragt, ob ich dich noch haben möcht."
"
Vater", hab' ich ihm zur Antwort g'geben ,,, ein rechtes Maidle vergißt es nicht so leicht, wenns einmal einem g'sagt hat, ich hab dich gern!" Dann kannst du ihn morgen herbringen, ich will mit ihm reden!"
, Siehst, Schaz, so weit ist's g'kommen, weil ich die ganz Zeit her g'tan hab, als wärst Du mir ein Fremder geworden!" Du Kluge! Jch will Dirs danken durch mein ganzes Leben!"
Langsam stieg er die Treppe hinunter und trat unter die Orgel durchbraust den Gottesraum, und Chorgesang verkündet Kirchentüre. das freudige Ereignis der heiligen Nacht. Draußen horcht Draußen lag noch tiefe Nacht. Aus den Fenstern des das Getter des Waldes auf. Die Schar der Finken schwingt Wirtshauses drang Lichtschein auf die Straße. Einige frühe sich vom Kirchendache weg, und droben am Hang, wo die Gäste hatten sich dort eingefunden. Auch der Lehrer wollte schneebedeckten Tannen beginnen, lauscht mit spizem Ohr ein daselbst eintreten, weil der Weg nach seinem Heim zu weit Rehpärchen hinunter auf den nächtlich ungewohnten Klang. war und er zum zweiten Gottesdienst wieder die Orgel spielen gekommen. Man konnte in die niedrige Stube hineinsehen. Zum Schlusse des Gottesdienstes spielen sie mit Schal- mußte.
meien und Waldhörnern eine schlichte Hirtenweise, aus der An der Staffel, die vom Kirchenvorplate zur Straße hinsich zuletzt die Melodie des stimmungsvollen Weihnachtsliedes abführte, stand eine vermummte Gestalt. Sie schien iemand herauslöst:„ Es kam die gnadenvolle Nacht, die uns den hell- zu erwarten. Vielleicht eine Kirchensängerin, die den Dirigenten zu sprechen wünschte. sten Tag gebracht!"
Dann nehmen die Leute draußen ihre Laternen wieder Der Lehrer sah näher hin. Da kam die Wartende auf auf, entzünden die Lichter und schreiten nun wieder, in Grup- ihn zu. pen oder einzeln, dem heimatlichen Gehöfte zu. Grüß Gott, Herr Meirner!"
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Oben auf dem Chor zieht der junge Lehrer, der so einsam„ Grüß Gott! Johanna, Du bist's? Pardon!" burch den Schnec im dunklen Walde stapfte, den Deckel des„ Ich bins! Mein Vater läßt Ihnen, läßt Dir sagen, Orgelpultes zu. Dann tritt er an die Brüstung und sieht Du solltest den Kaffee mit uns trinten!" fam es stockend von gedankenvoll in das fast leer gewordene Kirchlein hinab, in, ihren Lippen. dem der Meßner anfängt, die Kerzen an den Altären und am Kronleuchter auszulöschen,
Weihnachten!
,, Johanna! Sage mir, was hat das zu bedeuten? „ Der Vater hat nichts mehr dagegen, daß wir zwei ein Baar werden!"
Sie waren beim ersten Haufe des jenseitigen Tales anDrinnen brannte ein Weihnachtsbaum. Kinder umstanden
ihn, die Hände gefaltet, die strahlenden Augen zu der Lichterherrlichkeit der Chriſtfeſttanne erhoben, und ihre zartu
Stimmen sangen:
,, Stille Nacht, heilige Nacht! Alles schläft, einsam wacht, nur das traute, hochheilige Paar, das im Stalle zzu Bethlehem war, bei dem himmlischen Kind!"
Vater und Mutter standen daneben. Das Jüngste auf der Mutter Armen jauchzte.
Draußen horchten die zwei Liebenden, sahen bewegten Herzens das schöne Bild und küßten sich.
,, Auf daß uns ebensolches Glück erblühe, Johanna!" Und sie eilten der Mühle zu, unterm Weihnachtsbaum den Segen der Eltern zu empfangen.
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