Tägliche Unterhaltungs- Beilage
E. 19.
zum., Wilhelmshavener Tageblatt".
Sonnabend, den 3. April 1909.
he? Oder magst nur an Reichen he? Wann dös Dei Vatter sag'n tät aber Du 66
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35. Jahrgang.
be=
Was ich mag?' n Holzerbart! sollst verhaft'n Geschichtsnotizen. leidigt hat' r mi und net auẞi gehn will' r.' s Bier 3. April. Da wurde es dem Unterwirt und den Gästen zu viel. braucht' r net zahl'n, hab i g'sagt, bal' r geht, aber er geht 1682 Maler Bartolomé Esteban 1559 Friede zu Cambresis. Er mag net, sogt' r." Murillo geft. 1759 Schlacht bei Hirschbach. 1783 Der amerkanische Das war noch nie vorgekommen, so lange Gernfreuth stand, net. Der Gendarm schnaufte noch heftiger. Nur einen scheuen Schriftsteller Washington Irving geb. 1803 Johann Jakob Weber, und so etwas konnte man sich nicht bieten lassen. Von irgendder Begründer der Flustrierten Zeitung", geb. 1834 Dichter Emil woher flog dem Bartl ein Maßkrug an den Schädel, und er Blick warf er zum Bart! hinüber, dann sagte er belehrend: der Maßkrug natürlich. Und dann gab's Rittershaus geb. 1838 Der französische Staatsmann Léon Michel ging in Trümmer „ Ja woaßt, Unterwirt verhaft'n fann i' n net. Aber Gambetta geb. 1848 Der französische Romanschriftsteller und Dramanacha derf tiler Georges Ohnet geb. 1849 König Friedrich Wilhelm IV. von eine solenne Prügelei. Was ihm zunächst saß, das wirbelte balst Du' n außi wirfft, und' r setzt si' zur Wehr Breußen lehnt die ihm angetragene Kaiserwürde ab. 1897 Johannes der Holzerbart! zu einem undefinierbaren Haufen fuchtelnder i Dir scho helf'n, woaßt." und„ J? I soll' n außi toan? Na, mei Liaba, dös gibts Brahms gest. 1902 Philosoph Edmund Pfleiderer gest. 1906 Bild- Arme, zappelnder Beine und dicker Köpfe zusammen bauer Robert Henze gest. 1908 Untergang des englischen Torpedo- dann wurde er selbst mit in diesen Haufen gezogen. Ver- fei net! 3' was bist denn nacha Du Gendarm, balst' n bootszerstörers ,, Tiger" mit 36 Mann. gebens schrie und tobte der Wirt Stühle wirbelten durch net außi toa kannst?" die Luft, Tische wurden umgerissen, Maßkrüge flogen nach
Humoreske von Reinhold Ortmann.
( Nachdruck verboten.) B
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Der Holzerbartl.
zerfeztem Gesicht, aber
Der Unterwirt fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Die Beine wurden ihm schwach, er mußte sich setzen. Und so vollständig verlor er die Besinnung, daß er ein halbes Glas Wasser trant.
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., Was bist denn nacha Du Net amal außi toa kannst vanen! und z'wegen der Beleidigung hab'n, daß si's auszahlt!"
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für an Beamter, Du-?! Mach, daß weiterkimmst
Rest bring mir no a Moaß!" flang aus der Ede Des Holzer- Bartels Werbung. allen Richtungen durch die Luft. Plößlich aber kam Be- die ſanite Stimme des Holzerbart!. Der Unterwirt freischte wegung in die Masse nach der Tür zu wälzte sie sich, als den Gendarmen an: würde sie von unsichtbarer, unwiderstehlicher Gewalt getrieben,„ Hörst's net?- Verspott'n tut' r mi aa no- der und durch die Tür auf die Straße hinaus. Die Wirtsstube Haderlump, der g'scheerte, der damische Lackl, der damische! Der Unterwirt warf von Zeit zu Zeit besorgte Blicke war leer nur eine Gestalt erhob sich von der Schwelle, in Was tuft' n net außi?" „ Ja was tust Du eahn net außi?" in die Ecke des Gastzimmers. Dort saß der Holzlerbart!, eine mit einem freundlichen Lächeln. „ I? Hab i leicht zwoa Schädel, Du Depp?" Maß vor sich auf dem Tisch, und starrte aus den Spizzbuben,, Was jagst?" schrie der Gendarm. Dös is Beamtenbeaugen tiefsinnig vor sich hin. Er saß zwar oft da, der HolzerSo, Schwiegervater", sagte er behaglich, die hätt'n ma leidigung-dös laß i mir net g'fall'n, Du g'scheerte Hami, bartl, sehr oft; aber heute mußte etwas besonderes mit ihm drauß'n. Nacha bring mir no a Maß, Rest." Du g'scheerter!" sein. Und wenn etwas besonderes mit ihm war, dann gab es allemal zerschlagene Tische, Bänke, Maßkrüge und Schädel das kannte der Unterwirt. Und er nicht allein. Die jungen Burschen hielten sich sämtlich ein beträchtliches vom Bartl entfernt, und die älteren Männer schenkten dem Tarod heute weit weniger Aufmerksamkeit als sonst. Der Bartl aber achtete nicht auf seine Umgebung. Mächtige Wolfen von Tabaksqualm paffte er vor sich hin, und wenn er einmal auf jah, so geschah es höchstens, wenn Rest, die Tochter des Unterwirts, eine frisch gefüllte Maß vor ihm auf den Tisch sezte. J?" meinte er. Was soll i denn hoamgehen? Plötzlich aber- der Unterwirt war eben ein wenig eingeniat und fuhr nun erschrocken aufschlug der Bartl mit 9'fallts ganz guat da herin. Resla Maß mag i! der Faust auf den Tisch, daß es dröhnte. Dann hob sich seine an Bußl derfst mir scho aa geb'n!" Sünengestalt; ein triumphierendes Lächeln lag um seinen Mund, und während er sich mit hochgezogenen Brauen umjah, fagte er langsam und nachdrücklich:
pous
Leut'ni heirat."
Ein unbeschreiblicher Lärm erhob sich. Der Holzerbart!- der ärgste Haderlump im Dorf- wollte heiraten! Die Burschen lachten, schrien und johlten um ihn, die Alten hatten ihre Larockfarten niedergelegt, und der Unterwirt schmunzette. Wenn es weiter nichts war! Nur die Resl saß blaß und still neben dem Schenktisch, und ihre Augen, die sonst wie der leibhaftige übermut in die Welt lachten, blickten merkwürdig trübe. Der Holzerbartl aber schlug zum zweiten Rale auf den Tisch.
,, Stad seid's!" brüllte er. Wißt's denn, wen i heirat'n tu'? Die Resl vom Unterwirt heirat' i!" Da war es mit einem Male wieder still. Der Unterwirt war krebsrot und schnappte nach Luft- nicht ein Wort fonnte er sprechen ob dieser bodenlosen Frechheit. Die Augen der Rest aber blickten wieder ganz klar, und es zuckte um ihre
Mundwinkeln.
,, Bartl", stöhnte er ,,, i bitt Di, geh hoam. Du- Du brauchst Dei Bier net zahl'n. Aber geh hoam."
Der Bartl streckte die Beine weit unter den Tisch, ließ die Hosenträger durch die Hände gleiten und sah den Unter
wirt treuherzig an.
Res!!
a Watschen kannst aa no
Die Rest schrie laut auf, als der Unterwirt und der Gendarm sich plötzlich in den Haren lagen. Zu einer Kugel von ansehnlichem Umfang geballt, wälzten sie sich mit einander auf dem Boden herum. Und des Unterwirts Tochter wußte sich in ihrer Herzensangst keinen anderen Rat, als sich dem HolzerMtr bartl an die breite Brust zu werfen. Und
herfimmt!- Dös is Hausfriedensbruch Gleich gehst zum Kommandanten nüber, daß' r Hausfriedens bruch, woaßt dös? Jns Gefängnis muaßt, bal's iagt net
gehst, Bartl."
Das
Der seufzte nur schmerzlich.
„ Bartlhilf do dem Vatter!" flehte sie.„ Nacha nacha will i ja aa gern Dei Weib san."
Der Bartl drückte einen kräftigen Schmag auf ihre roten Lippen. Und einen Augenblick fühlte sich der Gendarm gleich einem Ball in die Höhe geschnellt ehe er noch recht zur Besinnung fam, saß er mitten auf einem Tisch. Und der Holzerbartl stand vor ihm, breitbeinig und mit freundlichem Lächeln.
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Ja mei was ma halt muaß, dös muaß ma halt!" sagte er ergeben.„ Js ja net' s erschte Mal, Schwiegervater!" „ Siegst, Sepp", sagte er,„ balst magst, nacha fost tatt Um den Unterwirt drehte sich alles in tollem Wirbel. das mußte ihm in seinen alten Tagen noch passieren! hingehn und mi und den Unterwirt o'zeig'n. Nacha werd'n und bal i Di nacha treff- so aaf d'r Landstraß'n, wenn i Er winkte der Resl nur wild zu, und gehorsam ging fie ma eing'sperrt. Aber siegst: amal temma ma wieder außi. hinaus, den Gendarmen zu holen. Der Holzerbartl pfiff leise und bal i Di nacha treff mit Dir verstehst?!" vor sich hin, dann stand er auf, schenkte sich selbst einen Maß- mit mei'n Holz vom Berg abi fimm- nacha red i a Wörtl krug voll und hielt ihn dem Unterwirt unter die Nase. Und abermals fühlte sich der unselige Kommandant in ,, Gelt so muaß ma einschenf'n, he?" meinte er lächelnd. Pak aaf!" die Höhe gehoben, um zu erfahren, wie man am wirksamsten ,, Glaabst, daß i dös auf oamal trink'n fo?- Und auf einen einzigen Zug war der Liter verschwunden. an die frische Luft befördert wird. Der Bartl aber klopfte dem Der Unterwirt stöhnte nur noch matt; fühlte nicht mehr viel Unterwirt, der ächzend auf einen Stuhl gesunken war, freundLeben in sich. Der Holzerbart! aber schenkte sich den Krug lich auf die Schulter. von neuem voll und ließ sich wieder in seiner Ede nieder. Gleich darauf erschien der Gendarm. Er war klein und und er schnaufte beängstigend, als er sich über die Schwelle schob.
Jabal i mög'n tät, Du Lacl!" sagte sie ganz ruhig. dick Der Holzerbartl riß die Augen weit auf.
Mög'n tät?" wiederholte er ungläubig.„ Ja- z'wegen wus magst denn nacha net?- Bin i Dir net sauber g'nua
Um Ehre und Recht.
Roman von Ludwig Hasse.
( Nachdruck verboten.)
8. Zortfeßung.) Angstlich schmiegte sich Erika in Frizens Arm. Doch diefer löste seine Arme, mit denen er ste umschlungen, und fagte leise:„ Geh' hinein, Erika- es ist jemand in dem Part man darf uns nicht zusammen sehen es ist vielleicht geh' mein Lieb! Morgen sehen wir uns
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der Andere... wieder."
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Noch ein flüchtiger Kuß, dann huschte sie davon. .., Schließe die Tür", flüsterte er ihr noch zu. Da war sie drinnen und machte die Tür zu, den Schlüssel im Schloß umdrehend.
, S' Gott!" sagte er prustend.„ Was magst denn, Unter
wirt?"
an.
,, Den hätt'n ma außi, Schwiegervatter", sagte er.„ ,, Nacha fönn' ma aamal red'n mitanand. Hast net die Wies'n zu verkaaf'n, Schwiegervatter, bei d'r roten Wand?- Un der Scheck is do aa feil?"
Der Unterwirt bekam runde Augen. Und er starrte den Bartl verständnislos an.
Herr Inspektor, was ist denn geschehen, daß ich hier wie Verbrecher behandelt werde?!"
Der Inspektor zuckte mit den Schultern.
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jedoch sagen, daß Sie mein Vertrauen in arger Weise getäuscht haben. Ich habe es stets gut mit Ihnen gemeint, ein Sie aber haben meine Warnungen verachtet und sind trozig Ihren eigenen Weg gegangen. Ein Zusammenarbeiten oder Zusammenleben ist nicht mehr möglich, Jhr Benehmen schädigt den guten Ruf und die Ehre meines Hauses. Ich ersuche Sie daher, womöglich noch heute Schloß Hambach zu verlassen. Inspektor Grupe ist beauftragt, Ihnen das Gehalt des laufenden Vierteljahres auszuzahlen. Eine persönliche Verabschiedung Ihrerseits halte ich unter den ob- hob sich und stand Frizz in drohender Haltung gegenüber. waltenden Umständen für unnötig.
,, Davon weiß ich nichts", entgegnete er. Sie haben den Wunsch ausgesprochen, und der Herr Baron wird wohl seine Gründe haben, Ihrem Wunsche so rasch wie möglich zu willfahren."
Erich Baron Hambach." Eine Weile starrte Friz dieses Schreiben verständnislos Was hatte er getan, um auf diese verächtliche, beleidi
gende Weise fortgeschickt zu werden?
Sollte der Baron die nächtliche Begegnung zwischen ihm
Es war Friz, als wenn er aus einem hellerleuchteten Zimmer plötzlich in die finstere Nacht versetzt worden sei. Der und Erika bemerkt haben? Mond hatte sich tiefer zum Horizont gesenkt, sodaß er hinter Aber dann wäre eine Aussprache doch angemessener geden hohen Parkbäumen stand, deren Schatten nun den Platz wesen. Jedenfalls bot sie keinen Anlaß, gegen ihn in solch' vor der Veranda völlig verdunkelten. rücksichtsloser Weise zu verfahren. Das war noch niemals Nur in der Ferne schimmerte es durch die Zweige wie die Art des Barons gewesen; er würde wohl ernst, aber doch flüssiges Silber. nicht verlegend mit Frizz gesprochen und ihn auf die UnAufatmend strich sich Fritz über Augen und Stirn. Wie möglichkeit einer Verbindung mit Erika aufmerksam gemacht leicht und froh war ihm plötzlich um das Herz geworden. Mit haben. welcher frohen Hoffnung sah er in die Zukunft, die ihm durch Und dennoch war Frizz sich keiner anderen Schuld bedas Dunkel der Gegenwart wie filbernes Mondlicht entgegen- wußt! Vielleicht aber kannte Inspektor Grupe die Bewegschimmerte. gründe des Barons, und rasch begab sich Friz in dessen
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Langsam ging er durch den dunklen Park. Leise flüster- Wohnung. ten seine Lippen: ,, Erita- meine süße, liebe Erika... Fräulein Grupe trat ihm entgegen und sah ihn hochmütig Da strich ein fühler Windstoß durch das dunkle Gebüsch an, ohne seinen Gruß zu erwidern. und es flang wie spöttisches Auflachen. ,, Sie wollen wohl meinen Bater sprechen", sagte sie kühl. Friz stuzte und sah sich um. Es war ihm, als ob eine„ Er befindet sich in seiner Kanzlei." dunkle Gestalt über den Weg huschte und in einem Nebenwege Friz klopfte an. Die tiefe Stimme des Inspettors rief: verschwand.
IX.
„ Herein!
Als Frizz eintrat, wandte sich Grupe, der vor seinem Als Friz am andern Mittag vom Felde heimkam, wohin Schreibtisch saß, langsam um. er schon mit Sonnenaufgang geritten war, fand er einen Brief„ Ich dachte mir wohl, daß Sie es wären", sagte er, ohne auf seinem Tische liegen. Er erkannte die Handschrift des Frig zu begrüßen.„ Sie kommen wohl, um Ihr Gehalt zu Barons, und rasch, nichts Gutes ahnend, öffnete er den Brief. holen hier ist es. hier ist es. Wollen Sie darüber quittieren." Er hatte sich nicht getäuscht, der Brief lautete:
„ Herrn Frik Born!
Er schob Friz das Geld hin und reichte ihm die Quittung. Frig war sprachlos.
Nach den Vorgängen des gestrigen Abends halte ich es„ Na, nehmen Sie", sagte der Inspektor ungeduldig. für das richtigste, wenn Sie Ihren Vorsatz, Hambach mög-„ Wenn Sie sich beeilen, können Sie den Zug um 2 Uhr noch ichst tald zu verlassen, zur Ausführung bringen. Ich will erreichen. Mein Wagen soll Sie hinführen." mich über Ihr Betragen nicht näher auslassen, muß Ihnen Da brach Frig los:
Aber gerade diese Gründe möchte ich wissen!"
Wollen Sie sie wirklich wissen?" sprach Grupe und er
,, Nun, Herr Born, ich bin nicht beauftragt, Ihnen diese Gründe mitzuteilen, ich kann Ihnen nur sagen, daß dem Herrn Baron Ihre liederliche Lebensweise nicht zusagt. Ein junger Mann, der sich im Wirtshause mit anrüchigen Personen umhertreibt, Hazard mit Abenteurern spielt, und sich mit der ganzen saubern Gesellschaft prügelt ein solcher Mensch paßt nicht auf Schloß Sambach und paßt auch nicht in ein ehrbares Inspektorhaus. So nun wissen Sie die Gründe, und damit basta. Hier ist Ihr Geld."
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Er reichte Fritz das Geld, das dieser hastig zurückstieß. ,, Sind Sie verrückt geworden?" schrie der Inspektor. ,, Fast möchte ich es annehmen", entgegnete Frizz mit vor „ Alles, was Sie da 3orn und Erregung bebender Stimme. sagen und mir zum Vorwurf machen, sind heillose Lügen. Ich bin mir keiner Schuld bewußt."
Der Inspektor lachte kurz auf.
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,, Sie mögen ja an Ihrer Aufführung nichts Unpassendes finden", sagte er ironisch. Andere Leute sind eben anderer Meinung. Oder wollen Sie leugnen, daß Sie gestern Abend im Weißen Roß" waren?" „ Nein-"
Oder daß dort Champagner getrunken und Hazard gespielt und schließlich geprügelt wurde?" ,, Nein aber
Nun, das genügt. Ich habe keine Lust, mich auf weitere Auseinandersetzungen einzulassen; seien Sie froh, daß die saubere Geschichte nicht der Behörde zu Ohren gekommen ist, und haben Sie sich nicht noch so großspurig. Hier ist Ihr Geld" „ Ich brauche Ihr Geld nicht!"
,, Wie Sie wollen. Aber dann muß ich Sie ersucher: meine Kanzlei zu verlassen-"
„ Herr?"
,, Na, na, nur immer ruhig Blut, junger Mann", sagte der Inspektor und zog sich nach der Ecke zurück, wo sein derber Knotenstod stand. Sie sind ein entlassener Beamter und
