A. Mittwoch, den 11. Januar. 1863 .
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Die unsichtbare GcisterWuW. Graudenzer Eerlebniß von Ludwig Walesrode.
(Fortsetzung.)
Von den Gefangenen am Oberthor vernahm ich denn auch die Bestätigung dessen, was ich in der Stadt gehört, daß sie seit meiner Ue- berweisung nach Graudenz einer weit strengeren Kontrole unterlägen und daß meine Kasematte am Niedcrthor wirklich als eine bisher nur von schweren Verbrechern bewohnt berüchtigt war.
In.der That erschienen mir die Oberthor-Kasematten für die „Fe- stungsstubengefangenen" weit wohnlicher, einige sogar freundlich. Sie lagen sämmtlich zu ebener Erde und waren daher ungewölbt, außerdem hatten sie größere und Helle Fenster und der Eingang vom Platze her war frei und führte durch keine Wachtstube. Einen ganz besonderen Reiz für die Herreu vom Oberthor hatte die vis-ä-vis-Nachbarschaft eines niedrigen einstöckigen Häuschens mit einigen gemächlichen Linden davor. .In demselben waren, nach kleinstädtischer Art, ein Material- waarenladen, eine Bäckerei, eine Schnapskneipe und eine Weinstube vereinigt. Von den hier verkehrenden Artillerieoffizieren wurde dieses Häuschen das „Zündloch" genannt; für mich war's im Laufe meiner Gefangenschaft ein wirkliches „Gasthaus," d. h. gastlich im liebenswürdigsten Sinne des Wortes, obwohl eigentlich den Gefangenen der Verkehr daselbst wie an jedem anderen öffentlichen Orte, mit Ausnahme des Betsaales, untersagt war.
Doch ich will hier nicht zu weit vorgreifen. Muß ich doch ohnedies schon, um die Leser mit Ort und Verhältnissen vertraut zu machen, mehr erzählen, als streng genommen eigentlich zu dem Erlebnis', das ich hier mittheilen will, gehört.
Als ich nach etwa einer Stunde wieder in die Wachtstube am Niederthore trat, kam nur der wachthabende Unteroffizier mit der Meldung entgegen, daß ich jetzt wohl schwerlich mich in meine Kasematte hinauf begeben könne, es müsse mit dem Offen obe» wvhl nicht ganz in Ordnung sein da der Rauch sich sogar hinunter in die Wachtstube gezogen. Ich witterte in diesem Rauche so etwas wie Morgenluft. Auf meine Bitte begleitete mich der Unteroffizier nach oben. Ein dicker Qualm wälzte sich uns schon aufderTrepe entgegen. In der Kasematte selbst konnten wir uns nur durch rasches Oesfuen von Tyür und Fenster des erstickenden Qualms erwehren und den Schaden in der Nähe besehen. Die breite Decke des Ofens war. nach Jnnen gestürmt und hatte denselben im Fallen, wic's schien, aus den Fugen gerissen. Die Lehmruinen spieen nun Flammen und Dampf gleich einem wüthenven Vulkan. An eine Fenersgefahr ist in den unter der Wallerde liegenden sener- und bombenfesten Gewölben nicht Zu denken; werden ja die Schornsteine niemals gefegt, sondern der überhandnehmende Ruß durch ein auf dein Heerde angczündetes Strohfcuer in Brand gesetzt, daß die Flammen lichterloh vbenhinansschlagen. Aber waS sollte ich bei der schon scharf eingetreten Winterkälte in einem Kasemattcngewölbe ohne Ofen machen?
Auf mein Ersuchen schickte Der Unteroffizier sofort eine Ordonnanz an den Platzmajor mit der Meldung von dem Vorgefallenen. Dieser kam denn auch sofort in offiziellster Angst angerannt; bald daraus stellte sich der Jngcnieuroffizier vom Platz ein, um den Vorfall technisch zu untersuchen. — Möbe, der wieder mit straff angezogenen Armen nud dem ehrlichsten Gesichte von der Welt im Hintergründe stand, wurde scharf in's Verhör genommen. Allein der blieb dabei, daß er den Ofen mit zartester Schonung und Rücksicht geheizt habe, daß cs daher Wohl an dessen schwächlicher Konstitution gelegen haben müsse. Der Ingenieur- Offizier, der den Ofen erst vor kurzem und eigens für mich hatte setzen lassen, wußte nicht was er denken sollte, und der Platzmajor schüttelte in einem fort Kopf und Fedcrhut. „Ein ganz neuer Ofen, bei Jott! es ist nujlaublich!" — er war aus Sauger-Hausen in der Provinz Sachsen und das weiche G war der einzige weiche Zug, den ich au ihm keimen gelernt.
Der kritische Kasus war aber der: was mit mir ansangcn? — An einen Neubau des Ofens konnte für's Erste nicht gedacht werden,
eben so wenig daran, daß ich ohne Ofen daselbst aushalten sollte; nirgends aber war im gegenwärtigen Momente eine andere ^Kasematte zu meineri.Arifnahme frei oder geeignet. — Es war Humor in der Situation. Ein Gefangener, der nicht wußw, wo er sein Haupt hin- legen sollte. Ich wartete gutes Muthes die Lösung dieses Dilemma in der Wachtstube ab, während der Platzmajor und der Jngenieurosfi- zier zum Kommandanten sich verfügt hatten, um demselben die Angelegenheit vorzntragen. Endlich nach ziemlich langer Konferenz kam jder Platzmajor mit dem Bescheide an mich zurück: Se. Excellenz habe angeordnet, daß die Kasematte No. 1, Coupure 1/ sam Oberthor jbis morgen Abend zu meiner Aufnahme in Stand gesetzt werden solle und daß ich mich bis dahin in das Weise'sche Gasthaus, der Kommandantur gegenüber, einlogiren könne, was ich denn auch mit Freuden that.
— Konnte ich denn doch noch eine Nacht als freier Mann schlafen!
— Auf der Wachtparade des nächsten Tages ging die Ofengeschichte unter den Offizieren von Mund zu Mund und erregte nicht wenig Heiterkeit. In dem eng geschloffenen Raum einer fernab gelegenen Festung, wo der Garnison ein Tag wie der andere in dienstlicher Eintönigkeit dahin geht, erhalten dergleichen Historien einen anekdotischen Charakter, sie gehen in die mündlichen Ueberlieferungen der-stabilen Festungsbewohner über. Meine einjährige Gefangenschaft in Graudenz hat die Chronik dieses Platzes um manche heitere oder ernste Anekdote bereichert — Man wollte durchaus^nichtglauben, daß der Ofen von selbst auf den Einfall gekommen sein könnte, einzusallen, urn mich gewissermaßen so durch ein Eleinentarereigniß ^ — p>nr lorvs innjsrors — aus dem wohlweislich mir zugedachten Silvio Pellico-Kerker zu be-
' freien, man meinte steif und fest, daß ich selbst mit Hilfe Möbe's die ganze Katastrophe in Szene gesetzt und durch geführt hätte. Der arme Möbe! Glücklicherweise hatte er bereits als Invalide und Befreier Deutschlands, mit der „Pflaume" auf der Brust, einem wöchentlichen Kommißbrot, und zwei Thaler monatlich, die höchste Staffel seines militärischen Ehrgeizes erklommen, als daß ein solcher Verdacht ihm in seinem weiteren Avancement hätte hinderlich sein können. — Und was mich betrifft, so kann ich vor jedem terminirenden Assessor die drei Schwursingcr anfheben und beeidigen, daß ich bei besagter Osenaffaire des Polonins weise Lehren befolgt und keinem in mir aufsteigenden Gedanken „die Zunge gegeben." Ich lächelte bloß und Möbe fluchte und der Ofen siel ein — das war Alles.
Aber ohne „Aber" giebt's nun einmal nichts himeden, selbst nicht einmal ans einer Festung, wo doch jedes „Aber" als subordinationswidrig streng verpönt ist. Auch an meine humoristische Erlösung ans der fatalen Riederthorkafcmatte durch den „feurigen Ofen" klammerte sich die fatale Konjunktions-Klette.
„Aber," sagte mir die alte polnische Schaffnerin im Weise'sche» Gasthause, „zu beneiden sind Sie gerade nicht um Ähre neue Kasematte am Oberthor."
„Zu beneiden nun Wohl nicht," meinte ich, „aber gewiß doch weniger zu beklagen."
„Hm, das ist sehr die Frage. — Am Niederthor hätte es doch wenigstens nicht gespukt.
„Was, in meiner neuen Kasematte spukt's?" lachte ich ungläubig in niein Glas hinein, „das habe ich nicht gewußt, daß hier auch Geister in Garnison liegen.
„Ja, lachen Sie nur; aber wahr bleibt doch wahr. Sie werden es schon erfahren." Weiter wollte sie sichtlich mürrisch, meinem Unglauben nicht Rede stehen.
Am anderen Morgen besuchte ich zur Paradczeit, wo ich sicher war, keine Offiziere dort zu finden, das erwähnte „Zündloch," das der mir bestimmten Kasematte schräg gegenüber lag. Man sah mich schon als Nachbarn an und kam mir mit der gemächlichsten Aufmerksamkeit entgegen
„Es ist uns recht lieb," sagte die freundliche, geschäftSsührende Cousine des Hauses, Sie in unserer Nähe zu haben; Sie bekommen auch eine weil bessere Kasematte als die am Niederchor Ihnen zugedachte; aber es ist leider ein Uebelstand dabei —"
„Es spukt doch nicht etwa da!" kam icMchcrzhaft fragend zuvor.
„Nun, Sie werden sich selbst die Antwort auf Ihre Frage geben können."
