,,Also wirklich? Doch, von welcher Art sind die Geister oder Gespenster, die dort ihr Wesen treiben? Sie drehen Einem doch hoffentlich nicht den Hals um oder treiben sonst welchen gefährlichen Schabernack?"
„Das nicht! im Gegentheil — sie musiziren. Sie werden manche Nacht ganze Conzerte aufführen hören."
I, das wäre ja ganz vortrefflich — da hätte ich ja meine Hans- kapelle — und die Geister machen hoffentlich gute Musik!"
Wenn Sie das schauerliche Ereigniß kennten, das diesem Spuk zu Grunde liegt, würde es Ihnen schon unheimlich genug zu Mnthe werden."
„O, es wäre mir sehr willkommen, wenn Sie mich näher darüber unterrichten wollten."
Meine neue freundliche Nachbarin ließ sich nicht lange bitten. —- Ich erfuhr von ihr Folgendes.
„Es sind etwa sechs Jahre her, daß ein Edelmann aus dem Großherzogthum Posen, Graf I—sky, wegen politischer Vergehen zu mehrjähriger Festungsstrafe condemnirt, Insasse der in Rede stehenden Kasematte wurde, die schon seit langer Zeit auf unheimliche Weise berüchtigt war. War's doch, als ob Melancholie, Verzweiflung und tragische Katastrophen ihre Opfer vorzugsweise in diesem Winkel suchten, denn in keinem Keoker der Festung waren je so viel grauenhafte Selbstmorde vorgekommen, als gerade hier.
Mit dem Einzug des neuen Gefangenen jedoch schien der finstere Dämon, der hier herrschte, gebannt zu sein, gebannt wie der böse Geist des Königs Saul durch die Macht der Musik.
Graf I—sky, ein Mann von jener chevaleresken männlichen Schönheit, die das nationale Erbtheil des Sarmrtenstammes geblieben ist, trotz aller Theilungcn und Zerstückelungen Polens, hatte in seine Gefangenschaft seine treue Geige mitgebeacht, auf der er Meister war. Man hörte ihn den größten Theil des Tages bis in die späte Nacht hinein seine musikalischen Monologe halten. Bald vertiefte er sich in Etüden, deren technische Schwierigkeiten zu lösen die, durch keine Zerstreuungen und Geschäfte gestörte Verlassenheit des Kerkers und die hingebende Geduld des Gefangenen ganz besonders geeignet sind; wie denn auch die Sage, daß Paganini sich während langer Gefangenschaft in einem itrlienischen Kerker zum unsterblichen Maestro gespielt, mag sie nun erfunden sein oder nicht, ihre sinnige Bedeutung hat. Bald rief er, voll sehnsüchtig jugendlicher Lebenslust, heitere Reminis- censen des geselligen Lebens in klingenden Weisen herbei. Wer vermöchte zu sagen, welche liebe, warme Erinnerungsträume aus den Taften der galanten Polonaise oder der feurigen Mazurka ihn umfingen? welche weiche Hand einer anmuthigen Tänzerin die seinige drückte? welches flammende Auge ihn aus vertrauten Tanzrhythmen grüßte? Bbld erging er sich mit' phantasirendem Humor in bunt sich jagenden Opernmelodien, wie Jemand, der wehmüthig ein Album durchblättert, um an flüchtigen Schattenzügen die dahin geschwundenen Momente erhabener Kunstgenüsse zu beleben. Dann spielte er wieder jene zwischen rührender Klage und keckem Uebermuthe wie trunken taumelnden Nationallieder, aus denen treu der polnische BolkScharakter und ein Stück polnischer Geschichte herausklingen.
(Fortsetzung folgt.)
Der Freikauf.
Eine nkrain'sche Volksgcschichtc.
AuS dem Klcimussischen des Mark Wowtschka von I. S. Turguniew. Ins Deutsche übersetzt von H. v. Lankenau.
(Schluß.)
Ein lustiger Bursche war dieser Schreiber Sacharowitsch. Kaum waren wir auf der Straße, so lacht und schwatzt er, es fehlte nur noch, daß er getanzt hätte. Mit Einemmale versetzte er mir einen Schlag zwischen die Schultern!
„Je? also freikaufen wollt Ihr Euch? Es geht Euch also gut?"
„Nun, vor der Hand gut genug, gaß wir's besser gar nicht wünschen."
„Eins ist aber nur schlimm: Eure Sache ist eine ungeheuer schwierige. Wie ich die in Ordnung bringen soll, weiß ich bis jetzt eigentlich noch nicht."
„Was fehlt denn da noch?" frage ich, während Jacob ganz bleich wurde.
„Nun, es fehlen Euch „die besonderen Kennzeichen"; als ob das eine Kleinigkeit wäre! Ich würde schon welche in Euren Freibrief hineinschreiben, aber was wird das Gericht dazu sagen, Dort muß ich ihn ja vorftsen."
„Wenn Ähr das Papier gut schreibt — schenk Euch Gott jedes Glück — so wird das Gericht nichts sagen, nur danken wird es."
„Etwas schmieren müßte man aber da jedenfalls, damit Alles glatt ginge. Gebt nur, ich will's schon besorgen. Meint Jsr nicht auch?"
Jakob hielt nicht aus, sondern plapperte gleich heraus: „Gut, Herr, sagt uns nur, was wir schenken sollen."
„Ihr könnt Geld geben, meinetwegen sogar hundert Rubel, der Herr Richter ist ein sehr guter, ehrlicher Mensch, ich gebe Euch mein Mort, daß er's nimmt."
Und dabei schmunzelte er.
„Nein, so geht das nicht," sage ich; „hört einmal, sagt einmal ernsthaft, wofür sollen wir Geld geben?" wir können sonst auch die Herrin darnach fragen."
„Unumgänglich nothwendig ist's eben nicht. Dem Freien die Freiheit, zu thun wie er will, dem Gerechten das Paradies. Es geh auch vielleicht ohne Geld."
Das sagte er schon, ohne zu lachen, und setzte sich an den Tisch.t Sein Tisch war aber ganz schief und die ganze Hütte auch, überall strich die Luft durch die schlecht verschmierten Wände, überall Schmutz und Staub. So schrieb er eine Weile, warf aber bald die Feder- nieder :
„Nein," sagte er, „so geht's im ganzen Leben nicht; ich kann nichts dabei machen, das könnt Ihr Eurer Herrin auch meinetwegen sagen. Es lohnt nicht der Mühe weiter zu schreiben. Es geht nicht."
„Wie geht's nicht? Ihr setzt ja aber doch Andern solche Papiere auf."
„Denen schreibt man besondere Kennzeichen, verstehst Du, Bauernkerl!" schnauzte mich Sacharowitsch an. „Was habt Ihr denn für- besondere Kennzeichen? Ganz und gar keine, wie gewöhnliche Menschen seid Ihr!"
„Nun, dafür wollen wir Gott danken, daß wir wie Menschen aussehen," antwortete ich.
„Dann ist also auch nichts weiter zu schreiben; keine besondere Kennzeichen — was wäre denn da zu schreiben?"
So quälten wir uns eine Zeitlang mit ihm ab und endigten damit, daß wir ihm zwei und einen halben Rubel gaben. Da fand er denn auch gleich die besonderen Kennzeichen, fertigte rasch das Papier aus und war wieder eben so lustig wie zuvor.
Er begleitete uns und fugte:
„Seid ganz ohne Sorgen, Alles wird gut und bündig, dafür ist hier dieser Kopf nnd meine Protection. Ihr seht, ich begnüge mich auch mit einem kleinen Geschenk, nach dem Sprüchwort: Von jedem der Gemeinde ein Fädchen — dem Nackenden ein Hemd."
„Wenn aber dabei die Gemeinde nur nicht selbst nackend bleibt!" antwortete ich ihm. Ihr ziehet, wie mir's scheint, schon gar zu viele dergleichen Fädchen, rechts und links."
6 .
Wie Sacharowitsch versprochen hatte, endigte Alles gottlob glücklich. Wir verbeugten uns zum Abschiede vor der Herrin und eilten dann nach Chmelintzo.
Dort waren die Handtücher als Hochzeitsgabe bereits fertig; man wartete nur noch ans uns.
Die Verlobung fand statt und dann wurde die Hochzeit gefeiert. Und eine lustige Hochzeit war es für Jung und Alt! Im ganzen Dorfe hörte man, wie bei uns die Musik spielte und es hoch herging.
Es ist wahr, wenn man sagt, daß aus einem hübschen Mädchen ein hübsches Weib wird; denn was für ein Prachtweib wurde nicht aus unserer Martha! Als Mädchen sah man sie munter und fröhlich herumspringen und wie ein Vögelchen zwitschern, und jetzt — wie ehrbar und gesetzt war sie nicht geworden. Ging sie über den Hof, so ging sie so anstandsvoll, blickte so verständig Jeden an in ihrem rothen Kleide ung Weißen, sauberen Oberhemdchen. Der Hetmann selbst braucht, bei Gott, kein schöneres Weib!
So leben sie noch jetzt mit den Eltern zusammen und lieben einander zärtlich. Gott schenkte ihnen einen Sohn, ganz dem Vater ähnlich: eben so schwarzäugig und gesund. Gottes Segen ist sichtlich mit ihnen.
Eine Mittheilung aus dem Seerechte.
(Art. 458, 5lö 522 des Allgemeinen deutschen Handelsgesetzbuchs.)
Der Schiffscapitain M., Führer und Miteigenthümer des olden- burgischen Schiffes P., beschwerte sich darüber, daß ein Consularagent in London die demselben eiirgehändigten Schisfspapiere unbefugter Weise an seinen, des Beschwerdeführers, Mitrheder, den Schiffsbaumeister P. übergeben habe, woraus er, nachdem er von dem letzteren, zugleich in Vollmacht des dritten Mitrheders, als Eapitain entlassen sei, die Papiere vom Consularagenten nicht habe zurückcrhalten können und dadurch zu Schaden gekommen sei. Es ward beantragt, gegen den Con- snlaragenteu, der sich unberechtigt in Privatverhältnisse eingemischt habe, in angemessener Weise cinzuschreiten.
Die Beschwerde konnte nicht für begründet erachtet werden.
Nach der eigenen Angabe des Beschwerdeführers sind außer ihm noch der Schiffsbaumeister P. und der Kaufmann S. Eigenthümer des Schiffes P., und zwar ein Jeder von ihnen zu einem Drittheile, was auch durch das Schiffsregister bestätigt wird. Es vertrat mithin der gedachte P. für sich und kraft der, nach Angabe des Beschwerdeführers ihm von dem dritten Miteigenthümer S. ertheilten Vollmacht, zwei Drittheile der Antheile an dem Schiffe, mithin die Mehrheit derselben und auch die Mehrheit der Rheder. Nach allgemeinem Seerechte (v. Kaltenborn Seerecht Bd. 1. S. 118) und eben so nach dem allgemeinen deutschen Handelsgesetzbuchs (Art. 458) sind für die Ungelegen-
