Sonnabend, den 28. Januar.
1865 .
Dieses Blatt erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. Preis r>ro Quartal 7V-, Groschen. Inserate finden Dienstag res-- Freitag bis 4 Uhr Nachmittags Aufnahme. —Die gespaltene Petitzeile kostet t Groschen.
Zwei Stunden Frist.
Eine russische Geschichte von Ernst Willkomm.
(Fortsetzung.)
2 .
Verh eimlichte Plane.
„Dieß zur Belohnung, Peter! Thue Dir etwas zu Gute! — Ich gebe Dir einen ganzen Tag Zeit, Dich nach Herzenslust zu vergnügen und Dein eigener Herr zu sein."
Peter, der Leibeigene Kammerdiener deS Grasen Oginskoi, küßte demnthig die Hand seines Herrn, aus der er eben mehrere blanke Imperials erhalten hatte. Bor der Thür sprang er jubelnd wie ein Toller von einem Fuß auf den andern, überschlug sich fast vor Freude, warf seinen warmen Pelz über, und eilte ans die fest zugcfrorene Newa, um einen der von Rennthieren gezogenen Schlitten zu besteigen und, wie Jeder es that, der ein solches Vergnügen bezahlen konnte, eine Luftfahrt bis zur Mündung des Stromes zu machen.
Um die gewöhnliche Theaterstunde besuchte der Hetmann seinen Freund und Kriegskameraden.
„Es ist gelungen!" rief Oginskoi dem Hetmann in glücklichster Stimmung zu. „Auf der Foutanka hat das Geschwisterpaar jetzt seine Wohnung aufgeschlagen! Ich bin durch die Schlauheit meines Kammerdieners Peter, um den mich Seine höllische Majestät selbst beneiden könnte, von Allem unterrichtet. Deßhalb gab ich dem Burschen auch Urlaub, damit er sich zur Erholung und zur Schärfung seines Verstandes für später zu besorgende Aufträge einen erquickenden Rausch trinken kann. — Ich halte jetzt jede Wette, daß ich innerhalb weniger Wochen mein Ziel erreicht habe!"
„Sei vorsichtig, Freund, und übereile Dich nicht!" warnte der Hetmann. „Die Familie Eliauder hat das seit Jahren bewohnte, ihr lieb gewordene Haus nicht ohne Grund verlassen. —> Mau schöpfte Verdacht! — Wenn Du nun erkannt wärst?"
,Jst gar nicht möglich! Ich ging stets in Civil und trug immer einen falschen Bart!"
„Aber Du hast mit Kathinka gesprochen!"
. „Ich habe sie im Corridor, kurz vor dem Eingänge zur Loge Nummer 10, ein einziges Mal angeredet. Sie gab mir keine Antwort, aber in ihr Auge versenkte sich mein Blick, daß ich in Wonne hätte vergehen können ! Seitdem bin ich verzaubert. Ich kann nicht von ihr lassen! Ich muß sie mir erobern mit List oder Gewalt, und sollte ich auch darüber zu Gründe gehen !"
„Das ist Thorhcit, wenn nicht etwas Schlimmeres!" erwiderte der Hetmann. „Es gibt der schönen Mädchen in Menge, die Dir auf halbem Wege schon entgegenkommen würden. Was kann es Dir für ein Vergnügen gewähren, einer Spröden nachzuschleichen, die es Dir doch wahrhaftig deutlich genug hat merken lassen, daß Du ihr gleichgültig bist?"
„Eben deßhalb!" sagte trotzig und mit leidenschaftlich funkelnden Augen der Gras. „Ein Weib, das mir zu erkennen giebt, ich sei ihr gleichgültig, beleidigt mich damit, und Beleidigungen verzeihe ich nie. Ich liebe Kathinka jetzt aus Haß, und werde nicht ruhen, bis sie dafür gebüßt hat."
,,Willst Du sie Babanoff abspänstig machen?"
„Fällt mir nicht ein. Er kann die Spröde meinetwegen zu seiner Gemahlin erheben, vorher aber will, ich sie durch meine Küsse halb ersticken."
„Der Aerger spricht auS Dir, Paul. 'Dir thut Zerstreuung noth. Laß uns in die Oper gehen. Die beiden jungen Tänzeriunm, die uns
gerade gegenüber sitzen, lassen sich herzlich gerne von uns lorgnettiren. Ein paar verbindliche Zeilen, dem ein blitzendes Geschenk beigelegt ist, verschaffen Dir mehre vergnügte Stunden, als hundert Zierpuppen mit ihren beschränkten Begriffen von Leben uns Sitte Dir gewähren."
„Leicht möglich, Freund! Dies Entgegenkommen aber, dies mühelose Gewinnen langweilt mich längst schon, ja es stößt mich sogar ab. Ich muß mich nach pikannteu Abenteuern umsehen, sonst sterbe ich bei dieser völligen Unthätigkeit innerhalb Jahresfrist an Melancholie."
„Gott bewahre! Vorerst laß uns zusammen in die Oper gehen."
„Unter keiner Bedingung! — Ich würde fortwährend an Kathinka denken müssen; und sie nicht sehen, — das machte mich un- glücklich oder brächte mich dergestalt auf, daß ich die tollkühnsten Dinge unternehmen könnte."
„Ich fürchte, Du bist schon auf dem besten Wege, Dich in so gewagte Unternehmungen zu stürzen. Laß Dich erbitten, Paul, und höre auf das Wort eines Freundes und theile Dich ihm offen mit. Mit welchen Plänen trägst Du Dich?"
„Wenn Du heute Abend mein Gast sein willst, sollst Dn davon erfahren, so viel ich Dir zur Zeit eben mittheilen kann."
„Handle nur nicht unüberlegt, nicht nach augenblicklichen Einge- gebungen oder in leidenschaftlicher Aufwallung."
„Es muß glücken, wenn meine Anschläge der Gegenpartei nicht verrathen werden. Dn wirst doch hoffentlich nicht die Rolle eines Berräthers übernehmen?"
„Welche Annahme, Paul! Bin ich Dir nicht vielfach zu Dank verpflichtet? Und wenn Dn sebst verbrecherische Pläne in Dir hegtest, ich würde Dich davon znrückznhalten suchen, nie aber Dich feig und hinterlistig verrathen."
Die beiden Freunde schickten sich an, das Haus zu verlassen.
In ihre Pelze gehüllt, bestiegen die befreundeten Kameraden einen bequemen Schlitten und flogen die erleuchteten breiten Straßen der Hauptstadt entlang bis an die äußerste Barriöre im Westen.
Hier befahl Oginskoi dem geschickten Rosselenker, umznkehrm und in etwas weniger schnellem Tempo nach der Stadt zurückzufahren.
Ein russischer Schlitten ist comfortabel eingerichtet und entzieht in der nächtlichen Dunkelheit seine Insassen jedem Vorübergehenden. Was darin halblaut gesprochen oder leise geflüstert wird, kann Niemand, nicht einmal der zügelführende Lenker des Gefährs, hören, da das laute Gebimbel der harmonisch gestimmten Schellen oder Glöckchen jedes andere Geräusch übcrtönt.
„Das ist der einzige Punkt, wo mir im unglücklichen Falle Schwierigkeiten gemacht werden könnten", sagte Oginskoi zu dem neben ihm sitzenden Hetmann, ans daS Wachthans deutend, durch dessen dicht zugefrorene Fenster ein schwacher Lichtschein ans die prächtig funkelnde Schneedecke fiel. „Ich werde deshalb in Zeiten sondiren und alle geeigneten Vorkehrungen treffen. Jenseits der Bariöre herrscht weit und breit das Schweigen der Grabes. Da gibt es auch keine Lauscher, und vor Mitternacht noch sind wir Alle wieder au Ort und Stelle. Mögen die zunächst Bctheiligten dann noch so arg zetern, sie werden bald genug sich beruhigen, und — verlasse Dich aus meine Klugheit und Erfahrung — wir scheiden als die besten Freunde, und die schöne Widerspenstige begrüßt mich, so oft sie mich sieht, mit dem freundlichsten Lächeln, über daS ihr gcdehmüthigstes Herz verfügen kann."
„Nicht übel und in der That höchst sinnreich eingeleitet", meinte der Hetmann. „Wenn Du Dich sicher auf Deine Leute verlassen kannst, so mußt Du trinmphiren. Nur, daß Dn die Polizei nicht aus dem Spiele läßt, gefällt mir nicht."
„Weißt Du einen besseren Rath? Uebrigens wird die Poftz^ ^ nicht unterrichtet, sondern nur als Hebel benutzt. Wie ich die Sp^jzpx täusche, damit sie freiwillig in daS anfgespanme Garn läuft, ft ich auch die Polizei. Wittert sie später, daß sie dupirt ward, ^ sie uothgcdrungen schweigen, um sich nicht lächerlich zu machft ^
