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Tägliche Unterhaltungs- Beilage

N. 205.

Geschichtsnotizen.

2. September.

zum., Wilhelmshavener Tageblatt".

Donnerstag, den 2. September 1909.

35. Jahrgang.

,, Du mir zu geben, Du Wunder von einem Weibe? Bei Gott, Ihr Frauen bleibt Kinder Euer Lebtag!"

ginnen zu fallen, Altweibersommer weht durch das Land, verspinnt Stoppeln und Sträucher und schmückt sie am Morgen 1807 Napoleon zwingt Preußen, seine Säfen gegen England zu aber es ist eine späte Freude der rechte Jubel will nicht mit Milliarden von Tauperlen, die blizen und funkeln; Sperren. 1814 Archäolog und Geschichtschreiber Ernst Curtius geb. Du vergißt, ich bin eine alte Frau." 1836 Tiermaler Anton Braith geb. 1851 Dichter Richard Voß geb. mehr aufkommen. Komm hinab", sagte er, ich will Dir etwas zeigen." 1860 S. M. Schoner Frauenlob" geht im Taifun bei Jeddo unter. 1870 Kapitulation von Sedan: Kaiser Napoleon III. und seine ganze dem Golde der riesigen, herbstlichen Platane und schaut in langsam und vorsichtig den steilen Weg hinab in den ein­Er schob die Zügel des Pferdes über den rechten Arm, mit Droben am Waldrand steht ein schönes, edles Weib unter der Linken umschlang er sie stüzend. So schritten die drei Armee unter General Graf Wimpffen kriegsgefangen. 1898 Sudan- die Talferne, und heiße, ungestilte Jugendsehnsucht brennt samen Waldpart. Da innen tamen sie an einen Plaz, um­feldzug: Sieg des anglo- ägyptischen Heeres unter Bord Kitchener über die Derwische unter dem Kalifen Abdullahi, Einnahme Omdurmans, in den dunklen Augen. Es ist heut ein Spätsommertag, da standen von Buchen, schon ganz in Herbstglut getaucht, und Zusammenbruch des Mahdi- Reiches. 1906 Der italienische Dramatiker wird die Natur noch einmal so grenzenlos schön, daß man ihr da lag fern von jedem Lufthauch ein klein dunkel Wässerlein, Giuseppe Giacosa gest. Altern vergißt und an ein spätes Glück glauben muß. Drunten tief und flar, wie ein föstlicher Spiegel. Da führte er ste in den Gärten blühen die Herbstblumen, gelbe und rote hin und sprach: Dahlien, dunkelbrennende Georginen, Astern in allen Far­ben. über den fernen Wäldern fällt hie und da ein Schuß, Hühner und Rehe werden von Tag zu Tag scheuer.

3um Sedantage.

Und wiederum auf Deutschlands Höhen Steigt himmelan der Flammenstrahl. O saget, ob die Berge sehen Noch heute stolz in jedes Tal? Ob noch des Sieges Jubeltöne Entströmen allen Herzen gleich,

Ob noch umschlingt Germanias Söhne Die alte Treu' im deutschen Reich?

Wohl ragt der Einheit feste Mauer Roch stark empor, der Grenzen Wall. Doch innen drückt der Flor der Trauer Das Herz der Treuen überall. Ein Feind im Innern ist erstanden, Der an des Reiches Säulen reißt; Der Geist des Hasses macht zuschanden Des deutschen Schicksals guten Geist,

Des deutschen Vaterlands Verderben Ist dieses Feindes Ziel und Plan. Da gilt's, zu neuem Kampf zu werben: Ihr Treuen all, heran! heran! Laßt uns als deutsche Männer stehen Unwandelbar zum Reichspanier! Hier unter deinem Himmel flehen Entblößten Haupts wir, Gott, zu dir.

Errette, Vater aller Wesen,

Uns vor des Unglücks tiefstem Schmerz: Laß unser deutsches Volk genesen! Erhalte rein das deutsche Herz! Am Sedanfest hör unsre Klage- Verlassen ist, wer dich verläßt! O segne bis zum jüngsten Tage Des deutschen Volkes Siegesfest!

September.

-

Fr. Hofmann.

Bon Otto von der Mül be.

( Nachdruck verboten.) September, du bist der Monat der späten Schönheit, der Monat, der uns den Herbst bringt. Die Blätter be­

anstrahlt, und frage noch einmal, was Du mir zu geben." ,, Schau da hinab, wie das herrliche Weib von unten Dich Sie wollte nicht hinabschauen, sie warf die Arme um

Die schöne Frau mit dem lieben Gesicht, in das der seinen Hals und schluchzte. Lebensherbst die ersten feinen Linien um Mund und Augen

gezogen, hebt plöglich das Haupt. Hufschlag tönt von der Da sprach er weiter, wieder so weich wie zuvor: Weißt Straße der Stadt. Jetzt wird das starte, tüchtige Pferd sicht- Du nicht, daß Deine Seele schon immer mein war, mit all bar, und auch der Reiter in tnapper Joppe, den grünen Filz- ihrer unvergänglichen Schönheit!- Und diese feinen Linien hut auf dem startbereiften Haar. Als der die Frauengestalt in Deinem Antlig: meinst Du, sie wären nicht schön? Weißt fieht, hebt er sein Pferd in Galopp. So stürmt er die ge- Du nicht, daß die Seele ihr Bild zeichnet in unsere Züge, wundene Straße aufwärts und hält das keuchende Tier erst mit der Zeit immer flarer und tiefer?- Sieh, Liebe, wenn wenige Schritte vor dem Ziele. Sie tritt ihm leuchtenden Deine holde Seele nun langsam Besiz ergreift von der leeren Auges entgegen: Du kommst spät, mein Freund." Jugendweiche meinst Du nicht, Dein Angesicht müsse von Tag zu Tag schöner werden?" dedin iht Angesicht begann sich zu verklären, bis es in fast über­Als er dieses gesagt, schaute sie innig zu ihm auf, und irdischer Freude und Schönheit erglänzte.

Und er: Ich komme aus der Schwüle des Lebens. Das Korn mußte erst reifen- die Ernte mußte herein; wir hätten die Ernte mußte herein; wir hätten sonst für unser Spätglück nichts zu genießen gehabt." Und sie: Glaubst Du auch heut noch an Glück?" Er nimmt so sanft das angenehme Frauenhaupt in die Hände, seine Stimme klingt weich, wie man nimmer von dem starken Mann gemeint:

Der Gaul aber schob seinen Kopf auf die Schulter feines Herrn, öffnete wie prüfend die Nüstern und schnoberte zu der neuen Herrin hinüber.-

Leise sanken die Blätter, hie und da öffnete ein spätes

,, Liebe, ich bringe Dir ja nur den Herbst meines Lebens. Unsere Frühlingsblüten erstarrten im eisigen Hauche, Blümlein den taubetränten Kelch und die Herbstwelt war mein Sommer verrollte in Gefahren und Gewittern." grenzenlos schön. Aber Du bliebest gut?" fast ängstlich schauen die dunklen Frauenaugen zu ihm auf, ein Mutterblick und doch der Blid eines Kindes.

Vermischtes.

Und er: O Liebe, manch Blitz fuhr in den Wald* Kiel, 30. August. Nach dem Genuß von Pferde meines Lebens, manch Bäumlein ist da verbrannt, manch fleisch erkrankte die Familie des Schlossers Schulz. Ein reines Jünglingsideal ging in Flammen auf. Jch blieb neunjähriger Sohn ist bereits gestorben. Andere Familien­wohl nicht wie Du- aber sieh dort hinab: Herbstblumen mitglieder liegen schwerkrank danieder. Die Polizei bes blinken uns an in den töstlichsten Farben. Laß sie uns in schlagnahmte alle noch vorhandenen Fleischvorräte des unser Leben flechten, damit der Winter nicht einsam werde- Schlachters, von dem die Familie Schulz das Fleisch ge tot und traurig.-" tauft hatte.

Sie sah still und ernst vor sich nieder.

Was willst Du", hub er an, von einem Manne fällt mancherlei ab, Gutes und Böses. Die Jugend ist reicher, aber meine Früchte sind gereift.-"

Und sie blickte noch immer still und ernst und sprach Wort. Das Pferd raufte hinter ihr in den Büschen. gewann die Ungeduld des Mannes in ihm Gewalt: Liebe, was verlangst Du?"

*

- Heidelberg, 30. August. Der ordentliche Professor der theologischen Fakultät Geh. Kirchenrat Bassermann ist nach kurzer Krankheit gestorben.

*

Von dem in

Krefeld, 30. August. Heute Nacht 12 Uhr 15 Min. kein Neuß der D- 3ug Köln- Altona auf eine in gleicher Richtung fuhr kurz vor der Einfahrt in das Gleis 4 auf dem Bahnhofe Da sich bewegende Rangierlokomotive leicht auf. Du, langsamer Fahrt befindlichen D- 3uge wurde nur eine Laterne und ein Puffer der Lokomotive beschädigt. Eine Entgleisung des Zuges fand nicht statt. Nur zwei Tenderachsen der Rangierlokomotive wurden aus dem Gleise gehoben. Personen ,, Du bist so offen und treuund, ach, eine alte Frau wurden nicht verletzt. Eine Untersuchung ist eingeleitet. fann es Dir wohl sagen: Du bist auch noch so schön. Was habe ich Dir dagegen zu geben?-"

Ich verlange nichts, ich fürchte." Was hast Du zu fürchten?"

Graf Kwelerath und feine Söhne. auf des Baters Schoß.

Roman von Horst Bodemet.

Da betritt Friedrich Karl das Zimmer. Er setzt sich still In die Kirche geht der Knabe an Kweleraths Hand, Prech­ten folgt mit dem Kandidaten. Der Pfarrer predigt über das Gotteswort aus Hiob.

Gib mir, mein Sohn, Dein Herz und laß Deinen Augen meine Wege wohlgefallen.

Und Friedrich Karl sigt in der Patronatsloge zwischen seinem Vater und Prechten und schluchzt.

( 4. Fortsegung.) ( Nachdruck verboten.) Dem Rinde geht langsam das Verständnis auf, er blickt erst Prechten, dann den Kandidaten erstaunt an, zuletzt wendet es den Blick dem Vater zu, in dessen Gesicht zucken die Nerven. Da richtet sich der Junge mit jähem Rude auf und schlingt die Arme um den Hals des gequälten Mannes und weint. Der Es wird Dienstag, es wird Mittwoch, und noch immer trägt Friedrich Karl durch's Zimmer, als ob er noch ein Baby hat die Gräfin nichts von sich hören lassen. Das Gesinde aber wäre; er will seinen Jungen trösten, aber er bekommt tein steckt die Köpfe zusammen und macht sich seinen Reim und der Wort heraus. Prechten verschränkt die Arme und sieht die schießt nicht weit an der Wahrheit vorbei. Die Sympathien Beiden an. Als Friedrich Karl endlich ruhiger wird, tritt sind auf Seiten des Grafen, man hat die Gräfin nie gern ge­der Freund auf Kwelerath zu:

,, Weißt Du nun, was Du an diesem Jungen hast?" Da findet der Graf die Sprache wieder.

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Mama wird schon bald wiederkommen, Friedrich Karl, fie ist nur mit Taß weggefahren, weil sie nicht will, daß er zum Pastor Rossin geschickt werden soll!"

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Aber mich behältst Du bei Dir, Papa! Nicht wahr? Bitte, bitte, lieber Papa!"

Ganz ängstlich fragt's der Junge.

Da drückt ihn Kwelerath fest an sich.

"

Wir beide bleiben zusammen und tun unsere Pflicht und Schuldigkeit!"

Und ich verspreche Dir, Papa, ich mache keine Dummheiten mehr, auch keine anständigen!" Ein schmerzliches Lächeln zeigt sich um des Grafen Lippen, er füßt sein Kind und legt es in das Bett zurück. Zieh Dich an und komm dann in mein Arbeitszimmer, wir wollen zusammen frühstücken und dann in die Kirche gehen!"

Wenn wir Gott recht bitten, wird Mama schon bald wie­Der fommen!" ,, Soffen wir es, mein Junge!"

Der Kandidat bleibt bei Friedrich Karl, der sich gegen feine Gewohnheit heute sehr gewissenhaft wäscht; Prechten und Kwelerath gehen in das Arbeitszimmer.

Ein Prachtjunge, der Friedrich Karl, Egon!"

Warum konnte der nicht vor dem Taß geboren werden?" Prechten zuckte die Achseln.

Der Menschheit Los! Wir fragen so oft: warum: und erhalten keine Antwort!"

,, Vor allen Dingen muß ich den Taß wieder in meine Ge­walt bekommen!"

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Warte ein paar Tage, Deine Frau wird schon etwas von sich hören Tassen, dann wollen mir weiter sehen!"

habt und den Taß erst recht nicht.

Regensburg, 30. August. Gestern Abend zwischen

5 und 6 Uhr stieß zwischen Geißling und Pfatter das Auto­

Da war Aribert Strahlendorff Offizier bei der Gardein­fanterie geworden mit dem festen Vorsage:

Ich lebe ein paar Jahre recht vergnügt, dann rangiere ich mich durch eine reiche Heirat und lasse mich zur Kavallerie versezen!"

Das vergnügte Leben fand er in Berlin schnell, nicht die reiche Heirat, wenn er seinen Kindern den reinen Stamm­baum mit den sechzehn Ahnen von Vater- wie Mutterseite er­halten wollte. Und ewig warteten die Gläubiger auch nicht, sie drängten, Brandbriefe liefen bei dem Vater ein und als der kategorisch erklärte: mein Junge, ich fann nicht mehr: wur den sie an die Schwester nach Kwelerath gerichtet. Und oft wurden Summen verlangt, die Stephanie's Leistungskraft überstiegen. Sie mußte sich an ihren Mann wenden und der hatte, schon um des lieben Friedens willen, immer das Geld hergegeben. Nur beim legten Male war es zwischen ihm und seiner Frau zu einer heftigen Auseinandersehung gekommen, die Höhe der Schulden nahm rapid zu, es hatte sich um vier­tausend Mark gehandelt.

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Stephanie Kwelerath hatte sich in den Gedanken ver­rannt, ihr Mann liebe den Taß nicht. Wie alle schwachen Charaktere, suchte sie den Fehler nicht bei sich, sondern bei anderen. Ihre Mutterliebe war blind, der Knabe, der ihr ähnlich sah, stand ihrem Herzen viel näher, als Friedrich Karl. war es ihm ärgerlich herausgefahren. ... Denkt denn Dein Bruder, ich bin eine melkende Kuh?" Wäre sie ihrem Manne in aufrichtiger Liebe zugetan gewesen, würde sie anders gedacht und gehandelt haben. Aber ihre Rolle!" ,, Egon, bei uns spielt doch eine solche Summe teine große Ehe war nicht aufgebaut auf Liebe und Vertrauen, sie hatte von Anfang an in ihr nur die Versorgung gesehen. Die Enge nen Leibe erfahren, wie schwer man arbeiten muß, bis man ,, Soo, meinst Du? Aribert sollte erst mal am eige des elterlichen Hauses hatte auf ihr gelastet, nach außen wurde viertausend Mark zusammen hat repräsentiert, ihr Vater ritt Tausendtalerpferde; hinter die mir wenigstens stehen sie näher als der Schwager!" und wir haben kinder, Koulissen aber ließ man keinen sehen, da gab's viele unange­nehme Kämpfe mit den Lieferanten und anderen Leuten. Die Da hatte Stephanie die Unterlippe vorgeschoben und ihren Eltern warfen sich jede Ausgabe vor, die der eine Teil für un- Mann sehr von oben angesehen. nötig hielt, der Mann war in steter Angst, seine prekäre Lage ,, Als vermögender Mann solltest Du taktvoller über der­könne an die große Glocke kommen und ihn in seiner Karriere gleichen Angelegenheiten reden!" schädigen. Die Tochter mußte standesgemäß in die große Welt Seine Erwiderung war sehr scharf, verlegend. eingeführt werden, das kostete ein Heidengeld. Man konnte ,, Diese lage Auffassung mag Strahlendorff'schen Anschaus nicht nur Wohltaten empfangen, man mußte sich revanchieren, ungen entsprechen, wir Kweleraths haben immer auf die die Toiletten, der Schmuck, verschlangen Unsummen, bald Groschen gesehen, diesen Vorteil empfindest Du doch sicherlich stellte sich ein ständiges Lavieren mit dem Gerichtsvollzieher jetzt recht angenehm!"

ein. Und die Mutter in ihrer verzweifelten Lage drängte Mit rotem Kopfe hatte sie das Zimmer verlassen. die Tochter zu einer reichen Heirat, um wenigstens eine Sorge Vor dem Schlafengehen aber sagte der gutmütige Kwes los zu sein. Der einzige Sohn, Aribert, stand bei der Garde lerath:

und nahm des Vaters Geldbeutel auch über Gebühr in An- Ich werde morgen Aribert mit einem Briefe, den er sich spruch. Mit Widerwillen war er Infanterist geworden, aber nicht hinter den Spiegel stecken wird, das Geld schicken; ich tue trotz aller Vorstellungen des Jungen blieb der Baron Strah- es, damit Du Ruhe hast, wahrlich nicht des sauberen Schwa­Tendorff fest. gers wegen!"

,, Ich kann Dich nicht Kavallerist werden lassen, überhaupt wirst Du bald zusehen müssen, von mir pekuniär unabhängig zu werden!"

Der Dank war ihr sehr schwer über die Lippen gekommen. Für all die empfangenen Wohltaten war sie nun mit Das hieß doch nichts anderes als: heirate bald und reich! Tak auf- und davon gegangen! Und awar nach Berlin, av