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Tägliche Unterhaltungs- Beilage

208.

Geschichtsnotizen.

5. September.

zum., Wilhelmshavener Tageblatt".

Sonntag, den 5. September 1909.

35. Jahrgang.

zurückkehrte, denn dort sollte ein neues Menschenkind das kein wahres Unglück empfinden und wenig Unterschied zwi­Licht der Welt erblicken. schen Reichtum und Armut erkennen. Die Eltern aber seufzten schwer unter dem Kreuz, das der Himmel auf ihre Schultern gelegt hatte.

1733 Dichter Christoph Martin Wieland geb. 1781 Die Fran­Es war bereits acht Uhr geworden und die Kinder fin­zofen schlagen die Engländer in der Chesapeake Bay. 1791 Komponist gen an, teils unruhig, teils schläfrig zu werden, da der Vater Giacomo Meyerbeer geb. 1815 Karl Wilhelm, der Komponist der sie einmal so lange allein ließ. Endlich kehrte er zurück und Wacht am Rhein", geb. 1836 Schauspieler und Bühnendichter Fer- rief hocherfreut: Kommt, Kinder, tommt alle mit, denn binand Raimund geft. 1848 Errichtung eines vorläufigen Marinier- eine große Freude wartet auf Euch. Oben liegt ein neues bataillons. 1857 Philosoph Auguste Comte geft. 1884 Hiſſung der Brüderchen im kleinen Bettchen und möchte die lieben Ge­deutschen Flagge in Porto Seguro( Sflamentüſte). 1890 Dichter Gustav Heinrich Gans Edler von Putlig gest. 1902 Patholog und schwister begrüßen." Anthropolog Rud. Virchow gest. 1905 Der russisch- japanische Friedens­vertrag wird in Portsmouth( New Hampshire, Nordamerika) unter­zeichnet. 6. September.

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hellen, lauten Jubel überging. Ein Staunen stand auf allen Gesichtern, das bald in Nur stille nur stille, damit das Kleine nicht erwacht." 1634( 5. und 6. Sept.) Schlacht bei Nördlingen: die Kaiserlichen Und leise auf den Zehen folgte die liebliche Kinderschar unter Gallas schlagen die Schweden( Horn) und Protestanten( Bern- dem Vater in die obere Stube. hard pon Weimar). 1729 Philosoph Moses Mendelssohn geb. 1809

Der biblische Kritiker Bruno Bauer geb. 1813 Sieg der Preußen Augen geschlossen und schlief den ersten langen Schlaf. Atem­Da lag das kleine Wesen in dem weißen Bettchen, die unter Bülow bei Dennemiz unweit Wittenberg über die Franzosen, los standen die fünf Geschwister um den neuen Ankömmling Sachsen und Württemberger unter Ney. 1814 Schriftsteller Levin Schücking geb. 1845 8oolog William Marshall geb. 1902 Vernichtung und gelobten gewiß in ihren Herzen dem neuen Bruder des haitianischen Rebellenkreuzers Craète à Pierrot" durch SMS. Treue und Liebe bis ans Ende. Banther". 1903 Maler Friedrich Kaulbach gest. 1905 Dichter Karl August von Heigel gest.

Ein Blinder.

Stizze von Paul Sanket.

( Nachdruck verboten.) J Die Phantaste eines Dichters treibt oft wunderliche Blasen. Buntfarbig glänzen sie oft voller Pracht und zer­stieben zu nichts, wenn nur der Hauch des Alltäglichen sie berührt. Ich bin kein Dichter, der sich Gott fühlt, eine neue Welt schafft und der sie mit Kindern seines Geistes belebt, die nur im phantastischen Traumleben ihren tollen Mummen­schanz treiben, sondern ich bin ein Mensch, von Gott ge­schaffen, in dieser Welt der Wirklichkeiten zu atmen und in dem Alltäglichen die höhere Gewalt zu erkennen.

Was ich bringe, ist eine schlichte Tatsache, eine wirkliche Begebenheit und keine Erzählung, in müßigen Stunden er­dacht.

Wer es fassen kann, der fasse es.

kommen könnte. Im Jahre 1866 hauste die Cholera in meiner Doch fein Unglück ist so groß, daß es nicht noch größer Seimatstadt und verschonte kein Haus. Auch in der Familie des Uhrmachers hielt sie grausamen Einzug und ein kleiner Sarg nach dem andern wurde hinausgetragen. Alle die fröh­lichen Kinder raffte der Tod dahin, nur an dem blinden ging er erbarmungslos vorüber.

Die Eltern waren gebrochen und zweifelten an Gottes Gnade. Der blinde Knabe tam in eine Blindenanstalt, wo er sich durch Begabung und Fleiß hervortat. Hier wurde inniger Liebe auch an seinen Eltern. er fromm und in Gottesfurcht erzogen und hing daher mit

um wieviel mehr Vater und Mutter. Wie man Gott liebt, so liebt man auch seinen Nächsten,

Ob diese wohl um diese Liebe wußten, daran glaubten und sie mit gleicher Herzlichkeit vergalten?

,, Und nun geht auch schlafen", sagte der Vater, und schließt in Euer Gebet das liebe Brüderchen mit ein. Christel" soll es heißen. Reicher als unser Herr und Hei- fie vor sich gewiß die fünf fleinen Hügel auf dem Friedhof, So oft sie das blinde Kind umarmten und füßten, sahen land ist es zur Welt gekommen, denn er lag in ärmlicher die fünf Kinder deckten, deren Augen das Licht der Himmels­Krippe und dieses Weltkind liegt hier im weichen Bettchen." sonne gesehen und so schmerzlich von ihr gewiß Abschied ge Nach dem Gute- Nacht- Kuß verließen die Kinder leise, nommen hatten. So oft die Eltern das blinde Christelchen wie sie gekommen, das Zimmer, das Gebet für den kleinen umarmten, glänzten Tränen in ihren Augen. Das blinde Bruder schon im Herzen. Mutter und Vater haben mich so innig lieb", dachte Rind sah sie nicht und war glücklich in seinem Gebrechen. es da mit seinem unschuldsvollen Herzen. Ach, wenn ich gelten könnte." ihnen diese Liebe doch noch einmal in diesem Leben ner

Gegen Morgen wurde das Kindchen sehr unruhig, fieberte heftig und beunruhigte die Mutter.

Der Vater schickte zum Arzt, der auch bald erschien. sprach, am Nachmittag noch einmal vorzusprechen. Dieser untersuchte das Kind, verschrieb etwas und ver­

Die Jahre gingen hin und aus dem Knaben wurde ein Haustür geöffnet hatte, blieb der Arzt plötzlich stehen, blickte tritt an alle Menschen heran, die nicht auf einem Geldjack, Als der Mann den Arzt hinabgeleitet und schon die Jüngling. Die Notwendigkeit, einen Beruf zu ergreifen, dem Vater des Kindes betrübt in die Augen und sagte dann: sondern auf einem Strohsack ihre müden Glieder strecken " Ich hoffe, Sie sind ein Mann und können eine traurige müssen. Blinde muß einen Broterwerb suchen, Wahrheit hören."

Ist der Zustand des Kleinen hoffnungslos?" ,, Die Krankheit nicht, aber das Kind ist blind." Der Vater vermochte kein Wort zu sprechen, doch die tiefste Trauer, die je ein Menschenfind empfinden kann, er­blidte man in den erstarrten Zügen.

und verließ das Haus des Jammers. Voll Mitgefühl drückte der Arzt dem Vater die Hand

Auch der

wenn er nicht als Bettler die Mildtätigkeit von Tür zu Tür anrufen will. Gottlob hat man endlich einen Weg ge­bahnt, den auch Blinde finden können, um in ehrlicher Ar­beit ihr Brot zu erwerben. Gar manches Handwerk ist ihnen erschlossen und selbst das blindgeborene musikalische Genie ringt sich in seiner Nacht auf der Harmonie der Töne empor und erntet Ruhm und Lorbeer.

So hoch konnte und wollte Christian Müller nicht steigen. Er dachte gewiß: Handwerk hat einen goldenen Boden, wenn das Korbmachergewerbe, wie noch viele seiner Kameraden, und brachte es darin zu einer erstaunlichen Fertigkeit. Die Finger wurden seine Augen, mit denen er sauberere Arbeit vollbrachte, als mancher Korbflechter, der über eine gesunde Sehkraft verfügte.

In meiner Vaterstadt lebte ein braver Uhrmacher, der feine Familie- bestehend aus ihm, seiner Frau und fünf Kindern von zwei bis zehn Jahren gut bürgerlich er­nährte. Der Verdienst war zwar nicht so groß, um ein Ber­mögen zu sammeln, reichte aber immerhin aus, um die Sorgen für das tägliche Brot zu scheuchen. Gesundheit, das die Kraft des Vaters zu Ende, fast bewußtlos brach er zu- man es recht erlernt hat". Er wählte schlicht und bescheiden Als die Tür sich hinter dem Arzt geschlossen hatte, war töstlichste Gut, war überdies allen geschenkt, und so herrschte sammen, heiße Tränen rollten über seine Wangen und Frohsinn und Heiterkeit in dem Hause und fröhliches Kinder- schluchzend betete er: Herr Gott, nimm das Kind wieder lachen ertönte von früh bis spät zur Lust der beiden Eltern. zu Dir! Die Sorge ist grauenvoll eingezogen in mein fröh­An einem Sonntage waren die Kinder um den großen liches Haus Familientisch versammelt, die älteren machten ihre Schul- Erden." ein blindes Kind ist das größte Unglüd auf arbeiten, die kleineren spielten mit ihrer Puppenstube. Es Doch das frevle Gebet fand feinen Einlaß im Himmel war bereits Abend, die Lampe brannte und ein lieber Friede das Kind genas und gedieh an Körper und Geist, tappte aber Lag über dem ganzen Kreise. Ab und zu sah man auch den ewig im Finstern. Bater in der frohen Kinderschar, doch die Mutter war nicht zu sehen.

War sie frank? O nein! Wie hätten die Kinder dann so jubeln tönnen! Auch der Mann sah durchaus nicht be­trübt aus, wenn er zu den Kindern aus dem ersten Stock

Die Eltern freuten sich wohl über die Geschicklichkeit ihres Kindes, aber es blieb in ihren Augen doch immer ein blindes Kind ein Sorgenfind, mit dem der Himmel Das Kind gewöhnte sich an die Nacht, die es umgab, sie heimgesucht hatte. Für was, das wußten sie nicht. und lachte bald fröhlich mit den Geschwistern. Der Blind- Christian Müller war Geselle geworden und verließ nun geborene lebt in seiner eigenen Welt, und wer die Sonne die Blindenanstalt, um sich in der Welt sein Brot zu ver= nie gesehen, empfindet auch nicht in seiner Unkenntnis seine dienen. Arbeite und bete" war seine Losung, und so wurde Armut. Die Geschwister aber waren harmlose Kinder, die er überall gut aufgenommen.

Graf Kwelerath und feine Söhne. fönnen!"

Roman von Horst Bodemer.

( 7. Fortseßung.) ( Nachdruck verboten.) Mein Kind, ich bin eine einfache Frau, wenn Du mir die Hand reichst, dann drücke sie nur herzhaft und sieh mir gerade in die Augen!"

Und er hatte gedacht, diese Ehrerbietung würde sie günstig für ihn einnehmen.

Vertraulich legte der Geistliche die Hand auf Taß'

Scheitel.

,, Nun tomm mit hinauf, Alexander, Kurt und Hans machen heute ihre Aufgaben unter der Aufsicht unseres Schul­lehrer, weil ich Dich abholen mußte!"

Gechs neugierige Kinderaugen starrten den neuen Kame= taden bei seinem Eintritt an. Der Lehrer erhob sich und trat auf den Pfarrer zu.

Die Kinder sind fertig mit den Arbeiten!" ,, Dann können wir ja Kaffee trinken, hier unser neuer

Sausgenosse, begrüßt ihn mal, Jungens!"

Der Pfarrer ging mit dem Lehrer hinaus.

Lassen wir sie zehn Minuten allein, der kleine Graf welerath scheint mir ein guter, aufgeweckter Knabe zu sein, in der Familie herrscht kein Eheglück, darunter wird das arme Kind gelitten haben!"

Und der Lehrer, eines fleineren Bauern Sohn aus dem Dorfe, dessen Vater auf die Junker nicht gut zu sprechen war, hatte eine Abneigung gegen diesen Stand schon mit der Muttermilch eingefogen.

,, Da hätte sich Dein Vater auch' nen Hauslehrer leisten ,, Den haben wir ja!"

denn?"

Und trozdem gibt Dich Dein Vater weg, warum Taß meint, er müsse seinen Kameraden gegenüber renom­mieren; er sagt sehr stolz: Ich bin mit Mama durchgebrannt!"

fragt:

Da pfeift Alexander von Engen und Kurt Lamprecht

,, Du, ist Deine Mutter schön?" Und ob!"

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Wo hat Euch denn Dein Vater erwischt?" Lauernd blidt Alerander den Taß an.

In Berlin heute früh!"

Der Knirps, Kurt Lamprecht, legt sich quer über den Tisch. Mit wem ist denn Deine Mutter durchgebrannt?" Mit Emma!"

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Da lachen Kurt und Alerander, der ist neugierig. Wer ist denn Emma?"

Mamas 3ofe!"

,, Tu nicht dumm, wir meinen mit welchem Manne ist denn Deine Mutter durchgebrannt?"

Taß steht die Beiden verständnislos an.

Mit gar keinem Manne!"

Da sagt Kurt Lamprecht mit glänzenden Augen. Muß Deine Mutter aber schlau sein, oder Du furchtbar dumm, daß Du gar nichts davon gemerkt hast!" Taß wirbeln die Gedanken im Kopfe herum, er versteht

die Beiden nicht.

,, Meine Mama ist sehr gut!" Natürlich", Alexander zieht die Oberlippe hoch, und Dein Vater prügelt Dich!" Nein, aber der Friedrich Karl, mein Zwillings­Der ist bei Deinem Vater geblieben. Das versteht sich", Ja, aber er ist jünger als ich, ich bekomme das Majo­

bruder!"

Herr Pfarrer, die alte Geschichte, Viere lang, Rotwein und Geft, aus den Kindern mag werden, was da will!" Drossin wehrte mit einer stummen Sandbewegung ab. Alexander von Engen nahm Taß gleich in Beschlag. Du, schön ist's hier nicht, der Pastor oder die Maria sind immer um uns rum!" Kurt Lamprecht, von Gestalt ein Knirps mit einer sagt Kurt Lamprecht altflug. Stumpfnase, zwinkerte mit den schlauen, grauen Augen. Wenn man der Maria gute Worte gibt, dann dürfen wir rat!" auch die Stachelbeeren und Himbeeren plündern, weng der Sert Pfarrer nicht da ist!"

Das ist ja Quatsch", meint der blonde Alexander( on Engen. Dein Vater hat doch ein schönes Gut, warum hat er Dich denn hierher gesteckt?"

,, Papa hat fünf Güter", erwidert der Taß stolz. " Donnerwetter, da seid Jhr wohl furchtbar reich?" Sehr energisch nickt der Kleine Graf mit dem Kopfe.

mit

,, Da wirst Du also mal knuffig reich?" fragt Alexander. Jawohl,- ganz kolossal!"

Kurt Lamprecht hat sich auf den Tisch gesetzt und baumelt den Beinen.

Ich will Dir was sagen, weißt Du warum Dein Vater Dich hierher gegeben hat?"

Weil ich den Kandidaten, unsern Hauslehrer, voll Tin­tenflede gesprigt habe!"

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Nee, weil Dein Vater Deinem Bruder das Majorat au­Schustern will!"

Taß ist ganz bleich geworden, er muß sich setzen. Natür­lich, Papa hatte Friedrich Karl ja viel lieber wie ihn, warum er nur nicht schon längst auf den Gedanken gekommen war! Sicher durfte er nie mehr nach Kwelerath und zu seiner Mutter zurüd, in seiner Angst fing er an zu weinen. Aber Alexander gab ihm gleich einen Rippenstoß.

Du?"

Sier wird nicht geflennt und nicht gepetzt,

verstehst

Mit Müh und Not drängte Taß die Tränen zurüd. Kurt Lamprecht klopfte den bleichen, mäuschenstill da­fizenden Hans Lüdenscheidt derb auf die Schulter.

,, Der heult auch immer und wagt kaum ein Wort zu sagen, er hat seiner Schwester ein Auge ausgeschossen!" Um die Mundwinkel des armen Jungen zuckt es. Baß mal auf", meinte Kurt Lamprecht, gleich fängt er wieder an zu flennen!"

Da tritt der Geistliche wieder ein. ,, Na, habt Ihr Euch bekannt gemacht?"

Wir werden schon gut Freund werden, Herr Pfarrer!" Hoffentlich, Alexander, in des Wortes edelster Bedeu= tung. Und nun kommt zum Kaffee trinken, Kinder!"

X.

General von Strahlendorff saß mit seiner Frau im Gar ten seiner fleinen Villa in Blankenburg in Thüringen. Der Diener hatte soeben den Teetisch abgeräumt.

,, Wie wäre es, Arthur, wir nähmen uns einen Wagen und führen zum Abendessen nach Schwarzburg?"

Liebes Kind, der Wagen kostet ungefähr fünfzehn Mark, mit Abendbrot und Trinkgeld kommt uns der Ausflug minde­stens eine Doppelkrone zu stehen!"

Die Generalin seufzte:

,, Daß Du mir auch jedes Vergnügen versagen willst!" Nervös strich sich der General seinen starten, weißen Schnurrbart zur Seite.

,, Du weißt recht wohl, liebe Adele, daß wir von meiner Pension leben und Aribert einen anständigen Zuschuß zahlen müssen!"

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Es wird wahrlich Zeit, daß sich der Junge unabhängig von uns macht!" Der Ansicht ist der General allerdings auch, aber er schweigt. Wenn die Post kommt, dankt er immer Gott im stillen, wenn kein Brief von Aribert darunter ist, denn der Refrain lehrt in jedem wieder: Schickt Geld!

Mit einem Seufzer erhob sich Frau von Strahlendorff. Jezt, in den schönen Sommermonaten tamen eine Unmenge