Wilhelmshavener Tageblatt

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304.

Mittwoch, den 29. Dezember 1909.

35. Jahrgang.

Die Versicherungsreform. alles beim alten läßt, überhaupt noch einen Sinn und Zweck seines stellvertretenden Vorsitzenden des Provinzial- Ausschusses hat. der Provinz Posen. Herr Knobloch, der seit Jahren an der Am ersten Januar des neuen Jahres hätte eigentlich die Aber in einer Beziehung hat sich der Bundesrat als hals- Spize der Verwaltung der Stadt Bromberg stand, soll es dort Versicherung der Witwen und Waisen in Kraft treten sollen. starrig gezeigt. Die Beschwerden der Krankenkassen und der verstanden haben, sich das ungeteilte Vertrauen aller politi­So stand es in dem Zolltarifgesetz von 1902, das nun schon in ihnen vertretenen Arbeiter sind unberücksichtigt geblieben. schen Richtungen der dortigen Bürgerschaft zu erwerben. Im feit einer ganzen Reihe von Jahren unsere wirtschaftlichen Es handelte sich hier bekanntlich darum, daß an die Stelle der Herrenhause gehörte er von Anfang an der sogenannten Neuen Beziehungen zum Auslande regelt. Aber die Vorarbeiten" bisherigen Drittelung der Beiträge eine Halbierung der Bei- Fraktion an. Wie das B. T." behauptet, dürfte Herr sind nicht rechtzeitig fertig geworden. Man wollte die Ge- träge der Krankenkassen und der Vorstände treten soll. An Knobloch, seiner politischen Anschauung nach, auf dem Stand­degenheit benutzen, um ganze Arbeit zu machen. Die Hinter- dieser Forderung, die eine völlige Umwälzung der Kranken- punkt der freifonservativen Partei stehen. In rein wirtſchaft­bliebenenversicherung sollte im Rahmen einer allgemeinen fassen und eine Beseitigung des Einflusses der Arbeiter zur lichen Fragen stimmt er, wie es heißt, zumeist mit den Frei­Versicherungsordnung ins Leben treten, und da gut Ding Folge haben würde, wollen die Bundesstaaten festhalten. Es sinnigen überein. Er sei ein Vertrauensmann des Fürsten Weile haben will, so mußte der Reichstag zunächst einmal die handelt sich hierbei um eine politische Maßnahme, die etwas Bülow gewesen, den er besonders auch in seiner Polenpolitik Hinterbliebenenversicherung um fünfviertel Jahre hinaus- von einem Ausnahmegesetz gegen die Arbeiter an sich hat. Man beraten habe. Als während der Verhandlungen über die schieben. Bis zum ersten April 1911 müssen die Witwen und will eben den sozialdemokratischen Einfluß in den Kranken- Enteignungsvorlage Fürst Bülow eine Konferenz zur Erörte= Waisen warten, und ob sie dann ihre Rente wirklich bekommen fassen bekämpfen, wobei die preußische Regierung die Führung dieser Vorlage einberief, nahm Herr Knobloch als ein­werden, das ist auch noch die Frage. rung übernommen hat. Sie läßt zugleich feinen 3weifel, daß siger Oberbürgermeister daran teil.

entgegen.

Sofnachrichten.

Die Versicherungsordnung ist dem öffentlichen Urteil im sie auf diesem Gebiet feinen Schritt nachgeben wird. Eher soll vorigen Frühjahr unterbreitet worden. An Kritik hat es nicht die ganze Reform scheitern, ehe den Arbeitern ihr bisheriges gefehlt. Von allen Seiten, aus den Kreisen der Berufsge- übergewicht in den Krankenkassen gelassen wird. Unter diesen nossenschaften wie der Krankenkassen und der Ärzte wurden sehr Umständen ist es aber fraglich, ob die Versicherungsordnung Berlin, 27. Dez. Der Kaiser nahm heute Vormittag erhebliche Einwände gegen den Entwurf erhoben, und nicht zustande kommt. Denn der Reichstag hat in seiner gegenwär- im Neuen Palais den Vortrag des Chefs des Zivilkabinetts minder wurden aus allgemein politischen Gründen Bedenken tigen Zusammensetzung wenig Neigung, der preußischen Re­gegen eine weitere Bureaukratisierung unseres öffentlichen gierung auf diesem Wege zu folgen. So fommt möglicher­Lebens geltend gemacht. Die Berufsgenossenschaften beklagen weise überhaupt nichts zustande. sich darüber, daß man ihnen die bisherige selbständige Feſt­sehung der Unfallrenten abnehmen und damit die, Selbstver­waltung einschränken wollte, und die Arbeiter wieder prote­stierten gegen den Versuch, sie in den Krankenkassen kaltzu­stellen. Allgemein aber war der Widerspruch gegen das neue Rücktritt in den Ruhestand, der zu diesem Semesterschluß er­Berlin, 27. Dez. Prof. Felix Dahn erhielt bei seinem Institut der Versicherunsämter, das mit einem neuen und sehr folgt, den Stern zum Kronenorden zweiter Klaſſe. umfangreichen behördlichen Apparat gleichbedeutend gewesen

Deutfches Reich.

Bertin, 28. Dez. Ein furchtbarer Konflikt drohte,

Potsdam, 27. Dez. Der Kronprinz ist heute Abend über München nach Tegernsee abgereist, um dort an der Gruft des Herzogs Karl Theodor einen Kranz niederzulegen. Nach furzem Besuche der Herzogin- Witwe wird der Kronprinz nach Berlin zurückkehren.

Auszeichnung.

Berlin, 27. Dez. Der Reichsanzeiger" meldet: Dem wäre. Einzelstaaten und Gemeinden hätten eine sehr erheb­liche Aufwendung machen müssen, um den Anforderungen der wie erst jezt bekannt wird, auf dem Ende August dieses Jah Staatssekretär des Auswärtigen Freiheren von Schön iſt der neuen Versicherungsordnung zu genügen, ohne daß eigentlich res in Berlin abgehaltenen 5. Internationalen zahnärztlichen Rote Adlerorden 1. Klasse verliehen worden. von einer gründlichen Verbesserung unseres Versicherungs- Kongreß auszubrechen. Am Abend eines der Kongreßtage wesens gesprochen werden konnte. Denn schließlich ließen sich fand in den Räumen des Neuen königlichen Opernhauses ein einzelne Verbesserungen, wie die Erweiterung des Kreises Fest statt, das die deutschen Zahnärzte den Kongreßteilnehmern

der

Ernst von Mendelssohn- Bartholdy t.

bet Krankenversicherung auch herbeiführen, ohne daß man das und ihren Damen gaben. Gerade als man sich zur Tafel In Dresden, wohin er sich begeben hatte, um im Hause Reich mit einem dichten Nez von neuen Versicherungsämtern sehen wollte, passierte etwas Schreckliches. Professor Gutt- seiner Tochter, der Gemahlin des sächsischen Legationsrats Dr. zu überziehen brauchte, die unter allen Umständen sehr viel mann- Berlin berichtet darüber im Korrespondenzblatt für Wach, die Weihnachtsfeiertage zu verleben, ist in der Nacht Geld fosten. Zahnärzte folgendes: Der Saal war mit Fahnen aller vom Freitag zum Sonnabend Exzellenz Ernst v. Mendelssohn­möglichen Länder geschmückt. Unglücklicherweise fehlte die Bartholdy einem Herzschlag erlegen. Der Reichstag soll im Lause seiner jetzigen Session sich französische Flagge. Das hatte der Vertreter der französischen auch mit der neuen Versicherungsordnung beschäftigen. Wann Regierung entdeckt und erklärte, daß die Franzosen den Saal er freilich dazu kommen wird, das steht noch nicht fest. Denn verlassen würden, falls nicht ihre Flagge zur Stelle geschafft vorläufig liegt die Versicherungsordnung noch in den Aus- würde. Ich versuchte, dem Kollegen klar zu machen, daß die schüssen des Bundesrats, und hier scheint die Beratung sehr Fahnen im Saal mehr zu dekorativen Zwecken als zu politi­langsam vor sich zu gehen. Selbst wenn indessen der Bundes- schen Kundgebungen aufgehangen seien, ich betonte, daß nicht rat im Laufe des Februar mit der Durchberatung des Ent- etwa wir, sondern der Wirt die Dekoration besorgt hätte, es wurfs fertig werden sollte, so ist kaum daran zu denken, daß half nichts. Da entdeckte ein findiger Kollege vom Lokal­der Reichstag noch vor Ostern an die Beratung herangehen fomitee, daß auch die deutsche Flagge nicht im Saal sei, aber fann, da zunächst einmal der Etat verabschiedet werden muß. auch das half nichts. Der Kollege erklärte, die Franzosen In der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten aber fann höchstens würden den Saal verlassen, falls nicht ihre Fahne zur Stelle die erste Lesung des Entwurfs stattfinden und eine Kommission geschafft würde. Nun ließen wir den Wirt kommen; der fand mit der Einzelberatung beauftragt werden. Die weitere Be- glüdlicherweise noch irgendwo in seinen Räumen eine fran­ratung im Plenum ist erst im nächsten Herbst möglich. Die zösische Flagge, die nun unter lebhaftem Bravo aufgehizt Reichsregierung dürfte deshalb auch, um das Wert nach Mög- wurde. Erleichtert atmeten die Herren vom Lokalkomitee lichkeit zu fördern, den Reichstag vor dem Pfingstfest nicht auf, und nun, es war bereits 8.15 Uhr, sollte zu Tisch gegangen schließen, sondern bis zum Herbst vertagen, um auf diese Weise werden, da bemerkten die Italiener, daß auch ihre Flagge die Möglichkeit zu gewinnen, den Entwurf im nächsten Winter nicht vorhanden sei, und nun ging die Geschichte von neuem fertig zu stellen. los. Die Jtaliener waren nicht ganz so aufgeregt wie die

So weit wäre alles in Ordnung, und die Reform fönnte Franzosen. Während die Franzosen gedroht hatten, den Saal bis zum April 1911 über alle Fährlichkeiten hinweg sein, wenn zu verlassen, meinten die Italiener nur, sie würden so lange sie nicht schon vorher an inneren Schwierigkeiten gescheitert nicht zu Tische gehen, bis ihre Flagge vorhanden sei. Nun, sein sollte. Diese Eventualität aber muß immer bestimmter diesmal hatte aber der Wirt keine italienische Flagge auf Am 13. Dezember 1846 geboren, hatte Ernst v. Mendels ins Auge gefaßt werden. So viel man aus ben Beratungen Lager, und die Sache hätte unangenehm werden können, da sohn eben erst das 63. Lebensjahr vollendet. Der Entschlafene des Bundesrats hört, ist man hier an eine völlige Umgestal- es bereits 8.15 Uhr war und die entsprechenden Geschäfte ge- war der höchste Steuerzahler Berlins, und bei der Drittelung tung des Entwurfs herangetreten. Man hat sich den Einschlossen hatten. Da kam ein Kollege auf die gute Idee, bei der Urwahlbezirke der einzige Wähler erster Klasse in dem wänden, die gegen die Versicherungsämter in ihrer ursprünglich der italienischen Botschaft anzutelephonieren und unter Klar- von vielen Großwürdenträgern Berlins bewohnten Bezirk. geplanten Gestalt erhoben wurden, nicht verschlossen, und zwar legung des Sachverhalts um eine Flagge zu bitten und siehe Die Gattin Ernst v. Mendelssohns ist schon vor mehreren hauptsächlich aus dem Grunde, weil die Bundesstaaten davon danach einigen Minuten war ein Diener mit drei Jahren verstorben und in der Familiengruft auf dem Gute eine neue sehr erhebliche Belastung fürchten. Die Versiche- Flaggen zur Stelle. Auch diese wurden unter großem Jubel Börnicke bei Bernau beigesetzt; hier wird nun auch er selbst rungsämter sollen vereinfacht werden, indem ihre Aufgaben gehißt, und nun fonnte soupiert werden."- Der Vorfall liest zur letzten Ruhe bestattet werden. den bisherigen staatlichen und kommunalen Behörden über sich recht humoristisch. Er hat aber auch eine ernste Seite, Mit den beiden Söhnen des Entschlafenen trauern als wiesen werden, die bisher schon die Versicherungsgeschäfte zu indem er zeigt, wie weit es bereits leider mit der überspan- nächste Angehörige neben seiner Schwester, der Baronin von erledigen hatten. nung des Nationalgefühls bei einigen Völkern gekommen ist. Richthofen, vier Töchter an der Bahre des Heimgegangenen. Damit hängt es dann zusammen, daß auch bei der Ren- Berlin, 27. Dez. Zum Direktor des Hansabundes Die in Dresden lebende Gattin des Legationsrats Dr. Wach tenfestsetzung das bisherige Verfahren beibehalten werden soll.( Geschäftsführer) ist vom Direktorium des Hansabundes der ist die älteste Tochter, die zweite ist mit dem Legationsrat von Mit anderen Worten, die Proteste der Berufsgenossenschaften Bromberger Oberbürgermeister Knobloch gewählt worden. Schwerin vermählt, die dritte ist die Gattin des Legations= gegen das bureaukratische Verfahren haben Erfolg gehabt, Herr Knobloch, der diese Wahl angenommen hat, ist seit dem rats Halin in Stockholm, und die jüngste Tochter ist mit dem wenigstens soweit der Bundesrat in Betracht kommt. Die Be- Jahre 1881, in dem er die erste Staatsprüfung bestand, in vortragenden Rat im Finanzministerium Dr. Busch ver­rufsgenossenschaften sollen auch fünftig die Renten in erster mannigfaltigsten Stellungen und Ämtern tätig gewesen. Nach heiratet.

Instanz selbständig festsetzen. Ebenso will man, wie aus einem dem er zunächst bei mehreren schlesischen Gerichten gearbeitet Kaiser Wilhelm II. hat den Verstorbenen sehr geschäzt. in den ,, K. N. N." veröffentlichten Auszug hervorgeht, den hatte, trat er in die Ständische Provinzialverwaltung der Er erhob ihn in den Adelsstand, berief ihn ins Herrenhaus Ärzten in der Richtung der freien Ärztewahl viel weiter ent- Provinz Posen ein. In dieser arbeitete er mehrere Jahre und ernannte ihn zum Wirklichen Geheimen Rat mit dem gegenkommen, als es im ersten Entwurf in Aussicht genommen unter dem damaligen Landeshauptmann, Grafen Posadowsky Prädikat Erzellenz. war. Kurzum, die Beschwerden der verschiedenen Beteiligten, Wehner, dem späteren Staatssekretär, und wurde bei dieser der Bundesstaaten, der Ärzte und nicht zuletzt der Berufsge- Behörde zum Landescat ernannt. Im Jahre 1899 wurde er nossenschaften sind vom Bundesrat in sehr weitgehendem Maße zum ersten Bürgermeister in Bromberg gewählt und bereits berücksichtigt worden, so weit, daß man sich fragen muß, ob im gleichen Jahre auf Präsentation der Stadt zum Mitglied

Ketzerrecht".

Berlin, 28. Dez. Zu der mittelalterlichen Ansicht, daß

eine Neuordnung der Versicherungsaeiekgebung, die eigentlich des Herrenhauses ernannt. Er bekleidet außerdem das Amt Ketzer jederzeit zu töten erlaubt sei, bekennt sich der katholische