Tägliche Unterhaltungs- Beilage

zum., Wilhelmshavener Tageblatt".

M. 204.

Geschichtsnotizen.

1. September.

Mittwoch, den 1. September 1909.

35. Jahrgang.

Ständen an; das ließen die langen, weißen Hände und das Der Gedanke daran beschäftigte den jungen Herrn eine schöngeschnittene Gesicht erkennen. Vielleicht ein deutscher Zeit lang, bis an einer Straßenbiegung die Klänge einer 1715 Ludwig XIV. von Frankreich gest. 1776 Lyriker Ludwig Forstassessor. Hm! Das wäre gar nicht so übel. Papa, der verstimmten Drehorgel an sein Ohr drangen. Ein kleiner 1715 Ludwig XIV. von Frankreich gest. 1776 Lyriker Ludwig pölty gest. 1842 Nordpolfahrer Julius von Bayer geb. 1854 ein leidenschaftlicher Jäger ist, verkehrt sehr gerne mit den Unmut erfüllte ihn. Das fehlte gerade noch, daß man die komponist Engelbert Humperdinck geb. 1870 Schlacht bei Sedan: Pflegern des Waldes. die dritte und die Maas- Armee unter König Wilhelm schlagen die schönsten Partien durch Straßenbettelei verschandelt. Als Franzosen unter Mac Mahon und schließen sie bei Sedan ein. 1900 Aber schüchtern scheint er zu sein. Sonst hätte er den er aber an die Stelle des Straßendurchbruchs gekommen war Betriebsübergabe des deutsch- amerikanischen Kabels. freien Stuhl neben Mama in Beschlag genommen, ehe der und durch die in den Felsen gehauenen Ausblicke das groß= alte, geschwägige Herr gekommen ist. artige Landschaftsbild betrachtete, das der fast 3000 Meter Also jetzt, an der Tellskapelle, sieht das Reiseprogramm hohe Uri- Rothstock mit seinen silberblinkenden Firnen dem Aussteigen vor. Ob er wohl weiterfahren wird? Auf dem Auge bietet, da ward sein Herz weich. Wenn einem der Herra Schiffsbrett sieht sie sich noch einmal um: Seelenruhig lehnt gott so was Schönes zu sehen gibt, darf man ihm wohl ein er am Geländer. Er wird wohl weiterfahren, doch nein, er Eintrittsgeld bezahlen, das die Armen für ihn in Empfang hält die Reisekarte bereit. Mit dem schnellsten Blicke der nehmen sollen. Und mit besonderer Rührung legte er dem Welt hat sie das erkannt. alten Weiblein ein halbes Frankenstück in die braune Rechte.

Der Amateur.

Eine Reiseerinnerung an den Vierwaldstätter See pon Hans Branded.

( Nachdruck verboten.) B Ruhig durchschnitt das Dampfschiff die blaue Flut des Vierwaldstätter Sees im Kurs gen Flüelen. Da tönte die Schiffsglocke; ein großer Teil der Passa: giere drängte der Landungsseite zu.

Tellskapelle!

Wen erfüllte dieser Name nicht mit mancherlei Erinne­rungen! Auch wer die nationale Begeisterung des Schweizer: voltes für Wilhelm Tell, den Meisterschützen, nicht mitmachen will, geht nicht achtlos vorüber an den diesem Manne ge­weihten Stätten, sind sie doch zugleich eine Ehrung unseres großen Dichters Friedrich Schiller, der den Schweizern ihren Tell erst eigentlich gegeben hat.

Fast dreiviertel der Passagiere verließen das Schiff; der Rest ließ sich weitertragen auf den leuchtenden Wogen des Sees Flüelen zu.

Abseits am Schiffsgeländer stand ein junger Tourist im grünen Lodenanzug mit photographischer Kamera und Ruck­sack. Auch er wollte aussteigen, wartete aber ruhig ab, bis die Reihe an ihn kam. Er hatte Zeit übergenug; auch war es nicht seine Art, zu drängen.

Diesmal freilich wäre er gerne etwas weiter vorn ge

wesen.

Auf der ganzen Fahrt von Luzern her hatte er neben den herrlichen, abwechslungsreichen Ufern des Gees die nicht minder anziehende Gestalt und das liebliche Antlig einer jungen Dame bewundert, die sich in Begleitung einer älteren, unverkennbar der Frau Mama, auf dem Salonded des Dampfers aufhielt und es bald herausgehabt hatte, daß sich der schlanke Tourist für sie interessierte.

Der Grüne" steigt ziemlich als letter aus. Im Ge= dränge hat er die beiden Damen aus den Augen verloren. Er ärgerte sich ein wenig, das kommt von seiner Zurüd haltung, von dem ewigen Abwarten. Als ob man nicht für ein schönes Frauenbild ein bischen forscher, ein bischen drän­gender sein dürfte! Doch was tut's? Die Blonde hat ja doch kein Interesse gezeigt.

Alles drängte zur Kapelle, die herrlichen Gemälde zu bewundern. Unser vermeintlicher deutscher Forstassessor ist aber ein ausgesprochener Feind alles Gedränges seit jeher ge­wesen, drum wollte er auch jekt warten, bis sich der große Haufe verlaufen hat.

Von dieser Stelle aus galt es, eine Aufnahme zu machen. Das würde ein herrliches Reiseandenten geben. Schnell dir Kamera aufgeklappt und visiert!

Da machte er ein langes Gesicht. Unten an der Tells. platte hatte er zur Aufnahme den Sucher benügt und jetzt fehlte dieser. Der Bequemlichkeit halber, und weil er balt wieder den Apparat zu brauchen gedachte, hatte der Amateu versäumt, das kleine Instrument abzunehmen. Jezt mußt das kleine Ding weggefallen sein. Photographieren konnt man ja schon auch ohne Sucher, aber dieser stand mit 28 Mart in der Rechnung des Kameralieferanten. Der Verlust war also schon ein recht empfindlicher. Doch konnte das Ding noc nicht lange fehlen. Vielleicht war es auf der Straße zu finden

Unweit der Kapelle, am schmalen Ufer, steht eine Bank abseits. Dahin setzte sich der Herr, und sein Auge schweifte Blicke suchend zu Boden gerichtet und fürchtete, sein kleiner So ging er den Weg zurück, den er eben gekommen, die über den See dahin. Zur Rechten, da wo die Brunner Enge Reflerspiegel fönnte von den Wagen zertrümmert worden den See westwärts lenkt, sah der Blick den Schillerstein, dar- sein. über den weidereichen, häuserbesäeten Rücken des Geelis­berges, vor sich den Niederbauenkulm, den Oberbauenstock und die Scheidegg, gerade gegenüber die Schiffsländen Bauen und Jsleten. Von der hoch oben im Rücken des Beschauers hinziehenden Arenstraße herab ertönte das Tuten der Auto­mobile, die mit ihrem Staub und Benzingestant auch diese schöne Gegend entweihten.

Mama, gewiß sucht der Herr das Ding, das wir gefunden Da hörte er plötzlich eine flingende Stimme vor sich: haben!"

und ihre Mama. Der Grüne schaute auf: vor ihm standen die Blondine

Höflich zog er seinen Hut. Die Damen entschuldigen." ,, Suchen Sie etwas? Suchen Sie das hier?"

dantbar, gnädiges Fräulein, wenn Sie mir Ihren Fund ab ,, Gewiß, gnädige Frau. Das ist's! Ich bin Jhnen sehr liefern wollten!"

sunken, merkte der Grüne" gar nicht, daß es nebenan bei Ganz ins Beschauen dieser herrlichen Gottesnatur ver­der Kapelle stiller geworden war. Fremden war aufgestiegen zum Hotel an der Straße, um dort Ein fleiner Teil der das Frühstück fortzusehen, das infolge des frühen Aufbruchs Stillen daran, wie schön es wäre, wenn man einen Finder­Sie lächelte, überreichte den Reflerspiegel und dachte im pilgerte schon auf der großartigen Straße Flüelen entgegen. reizenden blauen Augen so treu an, daß ihm ordentlich warm in Luzern etwas spärlich ausgefallen war; der größte Teil lohn verlangen dürfte. Dabei sah sie ihn mit ihren lieb­Nun fonnte sich unser Tourist in Ruhe Kapelle und zu Mute ward und er seinen Dant nur verlegen heraus­Bilderwerke ansehen, richtete seinen Apparat und machte eine bringen konnte.

Freilich ließ sie von dieser Erkenntnis weder die gestrenge Mama noch den jungen Herrn etwas merken, streifte nur hin und wieder furz seine Gestalt, die sinnend am ander­jettigen Schiffsbord lehnte, als wäre es ein zufälliges Vor­beiwandern des Blickes und erweckte dadurch in seinem In- photographische Aufnahme. Dann stieg auch er zur Arenstraße Wir haben das kleine Ding in der Sonne glänzen nern die überzeugung, daß das Interesse doch eine recht empor, die ihm Gelegenheit zu mehreren Bildern geben sollte. sehen", nahm die Mama das Wort, und obwohl wir von einseitige Einrichtung ist, und es mit der Gewalt seiner Schon stieg die Sonne höher, und die südöstlich gelegenen der photographischen Kunst nicht viel verstehen, dachten wir Augensprache nicht weit her sein müsse. Windungen der Straße wurden von dem Tagesgestirn be- uns doch, daß es für den Verlierer von Wichtigkeit sein schienen, dessen Strahlen sich an den roten Felswänden bra- könnte." chen und die vom Durchzug unberührten Buchtungen mit dop= pelter Glut erfüllten: eine weniger angenehme Zugabe der Wanderung auf dieser Straße. Aber was tat's? Nach Flüelen war's nicht weit.

Aber kenn' sich Einer aus in junger Damen Herzen! Die hübsche Blondine hatte von dem Augenblick an, da fie des Interesses jenes Touristen sicher war, doch nur halbe Blicke für die Schönheit der Umgebung und gab auf die Be­merkungen der Mama und des alten Herrn, der den Siz nebenan innehatte, nur kurze Antworten.

Wenn man nur wüßte, wer der Grüne" eigentlich ist! Ein Deutscher sicherlich, und wohl auch gehört er den besseren

Graf Kwelerath und seine Söhne.

Roman von Horst Bodemet.

( 3. Fortlegung.) ( Nachdruck verboten.) ,, Redereien nützen nichts, Tatsachen will ich sehen! Bestehe Deine Prüfungszeit, mein Junge! Benimmst Du Dich ein Jahr lang anständig, kehrst Du zurück nach Kwele: rath!"

Gewiß werden die beiden Damen schon dort sein. Ob sie einen Wagen genommen haben, oder ob sie es vorgezogen, gleich der großen Schar zu Fuß zu gehen?

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Das ist es, gnädige Frau. Aber gestatten Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle. Dr. ing. Rotmund."

,, Frau Fabrikant Martens aus W. Meine Tochter. Wir erwarten in Altdorf meinen Mann, der mit einem Freunde von Engelberg aus den Uri- Rothstock besteigen wollte!" Muß eine herrliche Tour sein. Ich habe sie auch noch vor!"

,, Natürlich, jeder vernünftige Mensch sieht das ein!"| apathisch auf der Chaiselongue und sagt kaum ein Wort. Der Der Kandidat schweigt, er tommt sich hier recht über- Taß weint den ganzen Tag und bettelt den Vater, ihn nicht flüssig vor. Aber Prechten schmiedet das Eisen.

,, übrigens sagte mir Herr Pohlmann soeben, alle Dumm­heiten von Taß kennst Du gar nicht!"

Go- o? Es ist Unrecht, mir unangenehme Dinge vorzuenthalten, Herr Kandidat; fünftighin bitte ich dringend, das nicht mehr zu tun!"

Der junge Theologe ist sehr verlegen geworden, weil Kwelerath ihm recht barsch gekommen. In seiner Verwirrt­

Da faßte sich die Gräfin mit beiden Händen nach dem heit macht er die Sache nur noch schlimmer. Er stottert:

Kopfe. ,, Ein ganzes Jahr soll der Junge weg?" Mindestens, liebe Stephanie!"

Der Taß heult los wie ein Schloßhund, Kwelerath wird nervös.

Also Montag früh bring ich Dich zum Herrn Pastor Rossin nach Dumbkow, bei ihm findest Du noch drei Kame­raden vor, merke Dir, was ich gesagt und nun hört die Heulerei auf!"

Die gnädigste Frau Gräfin wünschte es nicht und hat mir ein für allemal den Befehl gegeben, den Herrn Grafen mit solchen Kleinigkeiten zu verschonen!"

,, Kleinigkeiten? Eine schöne Auffassung, Herr Kandidat! Ich habe Sie engagiert, habe Ihnen bei zufriedenen Leistun­gen die erste freiwerdende Pfarrstelle versprochen in meinem Patronat und ich bin Patron über fünf Dörfer mit drei Pfarren, flug ist Ihre Handlungsweise nicht, nicht christlich, auch nicht deutsch!"

Der Graf verläßt das Zimmer und schlägt die Tür 3. weil er selbst fühlt, der Graf hat Recht. Aber er war ein zu. Herrn Pohlmann schießt die Röte in's Gesicht, er schweigt, Prechten hat unterdessen den Kandidaten von dem Plane armer Kerl und hatte eine Braut, die schon seit drei Jahren seines Freundes unterrichtet, der meint auch, strenge 3ucht, auf ihn wartete und die gnädigste Frau Gräfin hatte hier tleinere Verhältnisse, würden hoffentlich einen heilsamen doch vollkommen das Heft in Händen. Einfluß auf den Jungen ausüben. Der Herr Graf wisse gar nicht, wie roh oft der Taß sei, um den Vater nicht un­nötig aufzuregen, der doch gerade genug Sorgen mit den Gütern hätte, habe er, der Kandidat, zu manchem geschwiegen, denn das Ende sei doch immer eine Szene mit der gnädigsten Frau Gräfin gewesen.

Prechten sucht zu beschwichtigen.

Mein Gott, Egon, wir sind alle Menschen, der Herr Kandidat wird in Zukunft Dir alles sagen!"

,, Darum möchte ich auch dringend gebeten haben!". Mit einigen ermahnenden Worten entläßt Rwelerath den jungen Theologen.

Und deshalb muß ein energischer Strich unter die Rech- ,, Du stehst, lieber Egon, die Leute halten es mit Deiner nung gemacht werden und ich bitte Sie, Herr Kandidat, lassen Frau, weil sie wissen, sie hat die Hosen an!" Sie sich von der Frau Gräfin nicht etwa verleiten, weitere Aber einen ge= Das soll anders werden, Wussow! Versuche mit dem Taß im Guten anstellen zu wollen. Sie hörigen Krach gibt es in den nächsten Tagen doch!" wissen, der Herr Graf läßt sich von seiner Gattin leicht um- Schadet nichts! Wenn Du nur nicht über Nacht wieder stimmen. Ich habe meinen ganzen Einfluß aufwenden klein beigibst!" müssen, um meinen Freund zu seinem Entschlusse zu be= ,, Nein, nun nicht mehr!" stimmen und ich bin ehrlich gesagt nicht einmal sicher, ob er sein Vorhaben auch durchführen wird!"

Da tritt Kwelerath wieder ein mit hochrotem Kopfe. Prechten wirft ihm einen Blick zu, den der Graf versteht, er soll des Kandidaten wegen vorsichtig in seinen äußerungen sein.

Meine Frau will den Taß nicht weglassen, aber dies­mal setzte ich meinen Willen durch!" Der Herr Pohlmann teilt meine Ansicht!"

wegzuschicken; einmal ist der fast so weit, noch einen Versuch im Guten zu machen. Da sieht er, welchen bösen Blick sein ältester Junge Brechten zuwirft. Er erschrickt bis in's Herz hinein.

Wussow aber sagt ernst:

Jeden Tag bekomme ich ein Dutzend davon!" Der gutmütige Friedrich Karl bettelt treuherzig: ,, Laß den Taß doch da, wir machen auch wirklich nur noch anständige Dummheiten, Papa!"

,, Wenn er artig ist, fommt er ja bald wieder, mein guter Junge!"

Du

Da rollt der Knirps die blauen Augen.

Papa, gestern hat er mir gesagt, er macht sich tot, wenn ihn fortschicht!"

" Taß, hast Du das gesagt?"

Der ballt die Hände zu Fäusten und antwortet trotzig. Ja, Papa!"

,, Dann verdienst Du auf der Stelle eine gehörige Tracht

Prügel!"

Mit ganzer Lungenkraft heult der Bengel. ..Raus!"

Langsam erhebt er sich und verläkt das Zimmer; ge> raden Weges geht er zu seiner Mutter.

Die erscheint am Sonnabend zum Abendbrot, am Tische, sie behandelt Prechten schlecht, wenn es irgend geht, antwortet sie ihm nicht, der zuckt gleichgültig die Achseln und schweigt schließlich. Kwelerath aber wird furchtbar ungehalten.

Ich glaube, liebe Stephanie, Du bist noch sehr nervös!" Gewiß! Jst das ein Wunder?"

Dann wird es gut sein, Du schonst Dich noch einige

Tage!"

Ich werde mich sofort nach dem Abendessen zurückziehen!" Eine lange Pause entsteht, endlich sagt der Hausherr: ,, Morgen gehen wir alle zusammen in die Kirche, da wollen wir Gott recht bitten, daß wir Taß bald wieder zu uns nehmen können! Kommst Du mit, Stephanie?"

,, Es fann sein!"

" Glaubst Du, daß Deine Frau auf- und davongeht?" Kaum, Wussow! Wir sind zwar eben tüchtig anein­ander geraten, der Taß war bei ihr, aber bis zum äußersten zurüd. wird sie es nicht kommen lassen! Nicht wegen mir, Leute wegen!"

Bahama

der

Prechten zuckt die Achseln und schweigt; er traut der Gräfin nicht über den Weg!-

Die fühlt sich leidend, sie erscheint an den nächsten Tagen

Sehr frostig sagt sie es, dann zieht sie sich in ihr Zimmer ,, Taß, tomm mit mir, den letzten Abend in Kwelerath verbringe bei Deiner Mutter!"

Der ist froh, daß er mitgehen darf.

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In der Nacht von Sonnabend zu Sonntag gegen 3 Uhr

bei den Mahlzeiten nicht. Besucht sie ihr Mann, so liegt sie früh pochte es an Rweleraths Schlafzimmertür.